Im Foyer des Berliner Ensembles war vom Marathongedenken an Bertolt Brecht eine riesige Karikatur übriggeblieben. Lässig schnippt der Dichter darauf lauter winzige Bourgeois von seiner Zigarre. Unter solch trotzig-anachronistischem Wandschmuck stand die Frage zur Debatte: Ist das Kommunistische Manifest, 150 Jahre nach seiner Veröffentlichung, wieder aktuell?

Weil darüber Hermann Kant und Ernst Nolte diskutieren sollten, waren brisante Auseinandersetzungen zu erwarten. Doch wer sich vom Sonntagmittags-Talk am Schiffbauerdamm eine Art verbaler Neuauflage des Weltbürgerkrieges versprochen hatte, sah sich enttäuscht. Kant und Nolte agierten aus gesicherter Deckung heraus, vermieden es sorgsam, sich gegenseitig weh zu tun. Intellektueller Punktsieger blieb Nolte, der die Bedeutung des Kommunistischen Manifestes mit kühlen analytischen Strichen aufs historische Maß zurechtstutzte. Marx und Engels hätten das Kunststück vollbracht, den idealistisch-romantischen Antikapitalismus mit einem ökonomistischen Fortschrittsoptimismus zu verbinden: Am Ende der Geschichte der Klassenkämpfe werde, so ihre dialektische Prophezeiung, die Wiederkehr eines natürlichen Gleichheitszustandes "auf höherer historischer Stufe" stehen. Weil diese geschichtstheologische Kernaussage des Manifestes durch den Staatssozialismus nachhaltig entzaubert wurde, sei mit einer Renaissance des kanonischen Textes nicht zu rechnen. Da hülfen auch die in ihm enthaltenen hellsichtigen Beschreibungen der Dynamik kapitalistischer Weltwirtschaft nichts.

Hermann Kant zeigte aber wenig Lust, sich auf eine Bilanz des Fiaskos marxistischer Ideologie einzulassen. Er verlegte sich lieber darauf, die gegenwärtige Arbeitslosigkeit anzuklagen. Maliziös gab er seiner "Verwunderung" darüber Ausdruck, daß der Kapitalismus derartig "lernunfähig" sei. So lenkte er die Diskussion auf sicheres Terrain: Sie drehte sich jetzt nur noch um die Frage, wie man einen von keiner "Alternative" mehr gebremsten Liberalismus humanitär "zivilisieren" könne. Die Kompetenz des bis zum bitteren Ende linientreuen SED-Literaturfunktionärs in dieser Sache anzuzweifeln kam niemandem in den Sinn.

In der Sorge um die Gefahr einer ungezügelten Ausbreitung des liberalkapitalistischen Systems stehen sich Links- und Rechtskonservative näher, als ihnen selbst lieb sein kann. Der Moderator Mathias Greffrath brachte die Malaise der Kapitalismuskritik auf den Punkt, als er bedauerte, daß es heute, im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, keine "Utopien" mehr gebe, die dem Verhängnis Paroli bieten könnten.

Eine lagerübergreifende Sehnsucht nach Idealen des 19. Jahrhunderts ist der tiefere Grund dafür, daß Debatten über die aktuellen sozialen Strukturkrisen zumeist so flügellahm und larmoyant verlaufen wie diese Berliner Diskussion.

Die enttäuschte Altlinke beklagt rituell die Kälte und Herzlosigkeit der "Globalisierung" und träumt von der Wiederkehr ganzheitlicher, egalitärer Gesellschaftsentwürfe. Der Konservative Ernst Nolte lehnt Utopisches zwar ab.

Doch möchte er seinerseits Wertegemeinschaften wie "die Nation" unbedingt gegen einen enthemmten liberalistischen "Egoismus" und "Hedonismus" verteidigt wissen.