Der Angeklagte legt die Hände vor die Augen. Die Zuschauer in der letzten Reihe hält es nicht länger auf den Plätzen. Sie stehen auf, um besser sehen zu können. Im Gerichtssaal wird eine Schädeldecke präsentiert. "Ist die echt?" - "Ja, die ist echt." Es ist die Schädeldecke einer Frau, die am 25.

Juli vergangenen Jahres erschlagen wurde. Ihr eigener Mann soll das Verbrechen begangen haben.

Seit dem 2. Februar wird Klaus Geyer, bis zu seiner Festnahme Pastor im niedersächsischen Beienrode, im Landgericht Braunschweig der Prozeß gemacht.

Ein Pastor als Totschläger? Das hat es in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Das Publikumsinteresse ist enorm, an jedem Verhandlungstag sind die 140 Zuschauerplätze voll besetzt. Wegen der großen Nachfrage werden Platzkarten vergeben. Ungeniert lassen die Besucher ihrer Sensationslust freien Lauf - murmeln, kichern, kommentieren. "Oho" und "na, na" klingt es aus dem Chor, als das Intimleben des Pastors unter Ausschluß der Öffentlichkeit verhandelt werden soll.

Doch die Sorge der Voyeure ist unbegründet. Das Gericht weist den Antrag der Verteidiger, das Publikum bei der Erörterung intimer Details vor die Tür zu setzen, zunächst zurück. Schockiert schlägt da der hagere Mann in Sakko und Pullover die Hände vors Gesicht.

Selbstbewußt hatte der 57 Jahre alte Angeklagte zuvor aus seinem Leben berichtet. Von seinen glänzenden Aussichten als Theologe, seiner musikalischen Begabung, seiner Bekanntschaft mit Helmut Gollwitzer, seiner Heirat, der Übersiedlung nach Beienrode in den Schloßpark, den sein inzwischen verstorbener Schwiegervater, der Theologieprofessor Hans Iwand, einst gekauft hatte. Geyer berichtete auch von seiner Zeit als stellvertretender Superintendent, als Bundesvorsitzender der Aktion Sühnezeichen, als geschätzter Gastgeber internationaler Tagungen und Friedenscamps. Ein engagierter Intellektueller, durchaus kritisch gegenüber der Kirche, moralisch integer.

Als nicht minder aktiv beschreibt er seine vier Jahre jüngere Frau Veronika: Ortsbürgermeisterin, Studienrätin, Referentin am religionspädagogischen Seminar der Braunschweigischen Landeskirche, Mutter von drei Söhnen und einer Adoptivtochter. Gemeinsam mit ihrem Mann leitete sie ein Altenheim, das von ihrem Vater einst gegründete "Haus der helfenden Hände".