François Mitterrand war nie um Einfälle verlegen, seine Entourage zu verunsichern. Und Ernst Jünger kam ihm da sehr zupaß. Man murmelte: Warum läßt sich der linke Präsident von einem rechten Kanzler einspannen, der sich mit fragwürdigen literarischen Vorlieben brüstet? Nichts gegen Gesten des guten Willens gegenüber Bonn, doch das gehe zu weit.

Im Hubschrauber, der 1984 nach Verdun flog, ließ sich Mitterrand über den genaueren Ablauf der Gedenkfeiern unterrichten. "Und", schloß der Protokollchef, "der Kanzler kommt in Begleitung von Ernst Jünger."

Vielleicht habe ich geseufzt ohnehin wußte Mitterrand, was man dachte, bevor man es selber gedacht hatte. "Sie", sagte er und schaute mich an: "Ihre Begeisterung scheint sich in Grenzen zu halten."

"Monsieur le Président, es wäre von einer Frau zuviel verlangt, diesen Schriftsteller zu lieben", erwiderte ich. "Ich mag die ,Stahlgewitter' nicht, hasse den Krieg, glaube nicht, daß er den wahren Menschen offenbart. Ich kann diesen virilen Elitismus nicht leiden. Noch schlimmer ist ,Auf den Marmorklippen', das als antifaschistisches Buch gepriesen wird und nichts anderes ist als eine Apologie der Diktatur, das Hohelied auf eine Welt voller Verachtung für die Schwachen, den Pöbel."

An diesem Tag tat es mir gut, gegen den Lärm der Rotoren anzuschreien.

"Ach, Sie sind nun mal eine Frau, Sie verstehen nichts davon", lächelte Mitterrand und zuckte die Achseln: "Aber jetzt können Sie sich ein Bild von ihm machen."

Ernst Jünger freilich war in Verdun bloß Symbolfigur. Erst später, als ihn der Präsident und der Kanzler in Wilflingen besuchten, wurde mir manches klar. François Mitterrand und Ernst Jünger schienen alle anderen, die um den kleinen Tisch saßen, zu vergessen und sich ungemein zu freuen, vielleicht aneinander vorbei.