Als 1994 die Edition der diplomatischen Akten der Bundesrepublik für das Jahr 1963 erschien, ließ sich ein gewisses Befremden nicht übersehen. Denn es war nicht einleuchtend, diese große Edition mit dem Ende der Ära Adenauer beginnen zu lassen anstatt mit ihrem Anfang im Jahre 1949. Damals wurde das Stichjahr mit dem Argument gerechtfertigt, es werde so möglich sein, unmittelbar nach Ablauf der Sperrfrist von dreißig Jahren die wichtigsten Akten zu publizieren und sie so der Forschung zugänglich zu machen.

Beim Start dieser Serie wurde aber auch angekündigt, bei "entsprechend personeller Verstärkung" die Akten für die Jahre 1949 bis 1962 nach demselben Konzept herauszugeben. Der Band für 1949/50 liegt nun vor. Sein Inhalt, die Art der Aktenstücke wie die behandelten Materien unterscheiden sich denkbar kraß von den Akten des Jahres 1963, galt es doch, eine Phase zu dokumentieren, als die Bundesrepublik noch keine eigene Außenpolitik betreiben durfte und auf diesem Gebiet nur minimale Befugnisse besaß. Die Hohen Kommissare waren in erster Linie die Ansprechpartner für die außenpolitischen Gehversuche. Daneben läßt sich der bescheidene Aufbau der Dienststelle für Auswärtige Angelegenheiten im Kanzleramt, auch als "zentrale Dienststelle für den konsularisch-wirtschaftlichen Dienst" bezeichnet, verfolgen, denn nur derartige Aktivitäten waren der Bundesrepublik auf Grund des Petersberger Abkommens vorerst erlaubt.

Das Nervenzentrum der Dienststelle war die Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission. Diese leitete Herbert Blankenhorn, ein Karrierediplomat, der nach 1945 im Zonenbeirat der Briten ein Unterkommen gefunden hatte und seit 1948 Adenauers engster Mitarbeiter war. Er hatte damals eine einzigartige Stellung inne - als erster Berater des Kanzlers, als sein diskreter Begleiter und Dolmetscher, wenn er sich mit den Hohen Kommissaren traf. Es kann daher nicht überraschen, daß ein großer Teil der abgedruckten Aufzeichnungen von Blankenhorn stammt. Adenauers Verhältnis zu seinen Diplomaten - bald lagen schon 7000 Bewerbungen vor - war distanziert. Er erkannte die Notwendigkeit an, auf "bewährte und politisch einwandfreie Kräfte" aus dem früheren auswärtigen Dienst zurückgreifen zu müssen, meinte aber, "daß die höheren Beamten im allgemeinen in der Denazifizierung zu leicht entlastet worden seien". Daher riet er zur "äußersten Vorsicht" bei der Besetzung von Auslandsposten. Im September 1950 signalisierten aber die Amerikaner, auch NSDAP-Mitglieder könnten im Ausland eingesetzt werden es komme auf den Einzelfall an. Die Zeiten hatten sich bereits geändert.

Mit der Ansprache Adenauers am 21. September 1949 auf dem Petersberg beginnt die Dokumentation. Er erschien dort zur Entgegennahme des Besatzungsstatuts, wobei er sich protokollwidrig auf den Teppich stellte, auf dem auch die Hohen Kommissare standen. Diese Geste enthält im Kern sein außenpolitisches Programm. Statt feierlich das Statut entgegenzunehmen, brachte er in seinen Ausführungen den Wunsch zum Ausdruck, man möge es in "großzügiger und maßvoller Weise" anwenden und möglichst bald seine Revision ins Auge fassen.

Seine Warnungen, daß es an den Alliierten läge, wenn die Lage in Westdeutschland kritisch würde, wurden nicht gern vernommen. Insbesondere dem amerikanischen Hohen Kommissar John McCloy mißfiel die Taktik des Kanzlers, die er als ein ständiges Unterdrucksetzen empfand. Die freundschaftliche Wärme im beiderseitigen Verhältnis entstand erst später.

Adenauers Versuche, die Westmächte schon vor Ausbruch des Koreakrieges und erst recht danach zur Aufstellung einer Bundespolizei zu veranlassen, sowie seine unter dem Koreaschock verstärkten Bemühungen, der "Volkspolizeiarmee", deren Stärke er maßlos überschätzte, paramilitärische Polizeieinheiten auf Bundesebene entgegenzustellen, werden in dem Band breit dokumentiert. Der offizielle Antrag datierte vom 28. April 1950 und enthielt eine eigenartige Begründung. Da ging es einmal um die Abwehr "der sehr starken subversiven Tätigkeit aus der Ostzone", zugleich aber um Grundsätzliches: "Ein Bundesstaat kann auf die Dauer nur dann existieren, wenn er ein Instrument zur Vollstreckung seines Willens hat."

Pünktlich nach drei Monaten kam von der Alliierten Hohen Kommission die Ablehnung. Denn die Regierungen der Westmächte beurteilten die Situation anders. Während Adenauer am 1. Juli meldete, die Bewohner im Zonengrenzgebiet fürchteten, "daß ganz plötzlich russische Panzer westwärts durch ihre Orte rollen werden", sahen die westlichen Regierungen eine unmittelbare Kriegsgefahr als nicht gegeben an. Der Beauftragte des Kanzlers für Sicherheitsfragen war Graf von Schwerin, General der Panzertruppen a. D. Ihn hatten die Engländer empfohlen. Schwerins Planungen und Lagebeurteilungen bilden den wichtigsten Teil der Dokumentation. Er entwarf Szenarien, mit welchen katastrophalen Folgen bei einem sowjetischen Angriff zu rechnen sei, und kam in zahlreichen Gesprächen mit General Hays, dem Stellvertreter von McCloy, zu Lösungsvorschlägen, wie aus den deutschen Dienstgruppen der Alliierten sowie Freiwilligen ein Grundstock für eine deutsche Armee gebildet werden konnte. Adenauer hatte sich im August 1950 von der alliierten Ablehnung der Bundespolizei nicht abschrecken lassen. In seinen Sicherheitsmemoranden vom 29. August bot er einen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik an und forderte erneut die Aufstellung einer "Schutzpolizei auf Bundesebene".