Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit die Sinnfrage bis heute überlebt hat. Man könnte meinen, daß mit dem Siegeszug der aufgeklärten Vernunft die Suche nach einem höheren oder tieferen Zweck des Lebens hinfällig geworden wäre. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Am Ende dieses Jahrhunderts ist der Zweifel an der Sinnhaftigkeit aller Fortschritts- und Aufklärungsbemühungen größer denn je auch das Vertrauen in die Möglichkeiten eines erfüllten Daseins wurde nachhaltig erschüttert. In solchen Zeiten haben therapeutische Ratgeber Konjunktur. Nicht Erklärungen, sondern Heilmittel sind gefragt. Wem sein Leben fremd geworden ist, will sich nicht mit langatmigen Theorien aufhalten. Er möchte schnell und effektiv von seinen Zweifeln kuriert werden.

Genau dies, aber auch nicht mehr, leistet das Buch des Bonner Philosophiedozenten Jürgen August Alt. Jede Frage nach Sinn, so die unbestreitbare Grundthese des Autors, setzt mit der Verknappung von Sinn vor einem bestimmten Erwartungshintergrund ein. Während in der Antike und im Mittelalter die Menschen "mit ihrem Ort, ihren Verwandten, mit der Zukunft und der Vergangenheit sowie mit übernatürlichen Mächten" verbunden waren, wird in der Neuzeit die "Einbettung in größere Zusammenhänge" aufgelöst.

Schuld daran ist das "naturalistische Programm" der Erfahrungswissenschaften, das die "teleologischen Weltbilder" der Vormoderne verabschiedet. An die Stelle der alten "Harmonie-Illusion" tritt die Einsicht in die Ungeordnetheit und Ziellosigkeit des kosmologischen Geschehens. Die Kränkungen, die dem Selbstbewußtsein durch Kopernikus, Darwin und Freud zugefügt werden, reißen einen Graben zwischen "Wahrheit und Sinn" auf, der durch Verhaltensforschung, Soziobiologie und Neurowissenschaft vertieft wird.

Gegen diese "Entzauberung", die Alt im Anschluß an Max Weber diagnostiziert, sind verschiedene Strategien entwickelt worden. Hierzu gehört die Rückkehr zum Regionalen und Lokalen, wie sie etwa in der Verteidigung der "Lebenswelt" gegen die Übermacht der "Systeme" zum Ausdruck kommt, aber auch Versuche der religiösen Orientierungen, in denen angesichts des ungelösten Theodizeeproblems eine sachhaltige Vermittlung von Wissen und Glauben angestrebt wird. Eine weitere Variante bilden die "Projekte einer Wiederverzauberung", die vom Okkultismus über die Parapsychologie bis zur Esoterik und zur Chaostheorie reichen. Alle diese Strategien werden vom Autor abgelehnt, weil sie der "kritischen Prüfung" nicht standhalten.

Was Alt statt dessen vorschwebt, ist ein Begriff von Sinn, der an den "Ergebnissen wissenschaftlichen Denkens" ausgerichtet ist, gleichwohl aber subjektives Glück gewährt. Doch dazu ist nicht nur ein gesundes Maß an Skepsis nötig, wie es sich von den Stoikern und Epikureern lernen läßt, sondern auch eine strenge Diät in Sachen Sinnerwartung. Wer den "Sinn in kleiner Dosis" einnimmt, ist vor falschen Hoffnungen gefeit, ohne daß ihm die kleinen Erfüllungen des Daseins entgehen müssen. Zu diesen zählt Alt das "Glück der Erkenntnis", das der wissenschaftlichen Forschung entspringt, aber auch die ästhetische "Erfahrung von Naturgegebenheiten", wie sie sich etwa beim Schnorcheln im Roten Meer einstellt, oder das Erleben von Kunst.

Nicht um die Schaffung neuer Illusionen geht es Alt, sondern um das Ideal des "souveränen Menschen", der nach den "kleinen Sinnhappen" schnappt, die in der entzauberten Welt übriggeblieben sind. Genau das ist aber das Problem. Wo die Sinnhaftigkeit des Daseins verschwunden ist, läßt sie sich nicht einfach per Rezeptur zurückgewinnen. Zumindest dann nicht, wenn diese den trivialen Vorschlag unterbreitet, es sei für ein gelingendes Leben besser, sich ab und an "kosmische Dimensionen in Erinnerung" zu rufen oder aus "Gesprächen und Diskussionen zu lernen". Anstatt die Krise der Moderne ernst zu nehmen, beschränkt sich Jürgen August Alt auf die simple Therapie des Handauflegens.

Jürgen August Alt: Wenn Sinn knapp wird Über das gelingende Leben in einer entzauberten Welt Campus Verlag, Frankfurt/New York 1997 208 S., 29,80 DM