In Freundesland

Am 2. Juni 1967 stand er vor der Westberliner Oper in der Menge und demonstrierte gegen den Schah-Besuch. Wenige Meter neben sich sah der junge Mann den Kommilitonen Benno Ohnesorg zusammenbrechen, tödlich getroffen von einer Polizeikugel. Einige Wochen später wurde der angehende Ingenieurwissenschaftler selbst das Opfer deutscher Polizeiwillkür: Bei einer studentischen Protestkundgebung hatte er versucht, mehrere Beamte, die auf einen wehrlosen Demonstranten einschlugen, zum Einhalt zu bewegen. Ein Polizist in Zivil riß ihn daraufhin zu Boden, prügelte und prügelte. Danach nur Schwärze, vierzehn Tage lang, Intensivstation, wochenlange Rekonvaleszenz. Der Student klagte, erfolgreich. Sein Anwalt hieß Otto Schily.

Den Beginn einer deutschen 68er Biographie kann man sich deutscher kaum vorstellen. Vural Öger, heute 55, ist Deutscher, Deutschtürke, Einwohner seit 1961 und Inhaber eines deutschen Passes seit 1994. Er ist Unternehmer, Öger Tours GmbH, weltweit führend in Türkeireisen, zuletzt in den Schlagzeilen wegen des Absturzes einer von ihr gecharterten Birgen-Air-Maschine im Februar 1996.

Ögers Distanz zur 68er Bewegung wuchs mit den Jahren und den zunehmend bürgerlichen Lebensumständen. Bisweilen allerdings blitzt in seinen Augen nostalgisch revolutionäre Begeisterung auf, etwa wenn er über Herbert Marcuse spricht: Dessen "Kultur und Gesellschaft" sei für ihn eines der bedeutendsten Bücher, sagt er, materielle Übersättigung bei gleichzeitiger geistiger Unterernährung eine Gefahr für jede Gesellschaft.

Ob er die Bundesrepublik für übersättigt und geistig unterernährt hält, läßt Öger offen wohl aber sieht er ihren inneren Frieden bedroht, wenn es nicht gelingt, die Integration von 2,3 Millionen Türken voranzutreiben. Zwar stieg die Zahl der Einbürgerungen 1996 um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 86 000 Menschen erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit, mehr als die Hälfte von ihnen waren Türken. Doch selbst eine jährliche Quote von 40 000 neuen Pässen ließe die Aufnahme der hier lebenden Deutschtürken zu einem Projekt für fünf oder sechs Jahrzehnte werden. "Man kann diese Menschen mit der gegenwärtigen ausländerfeindlichen Stimmung im Land nicht allein lassen", sagt Öger. "Die Bundesregierung muß endlich ein Signal geben. Sie muß akzeptieren, daß Deutschland ein Einwanderungsland ist."

Zumindest bis zur Bundestagswahl setzt Öger keine großen Hoffnungen in die Politik - weder was die Liberalisierung des Staatsbürgerschaftsrechts, noch was die Unterstützung der Türkei in ihrem Wunsch nach EU-Vollmitgliedschaft angeht. Um die deutsch-türkische Verständigung gleichwohl zu befördern, hat der Unternehmer in privater Initiative eine Stiftung ins Leben gerufen: Sie nimmt in den kommenden Wochen ihre Arbeit auf und wird interkulturelle Projekte und Publikationen fördern. Von Wilhelm Heitmeyer über Siegfried Lenz bis zu Cem Özdemir und Ulrich Wickert beteiligen sich deutsche Multiplikatoren an dem Vorhaben außerdem der Vorsitzende des Türkischen Journalistenverbandes und der Botschafter der Türkei in Bonn, Volkan Vural.

"Multiplikatoren" freilich ist ein Wort, das Vural Öger kaum gebrauchen würde. Modisches Management-Vokabular meidet er, wenn er über sein eher traditionell, manche sagen: patriarchalisch geleitetes Unternehmen spricht.

Wenn er Elite oder Oberschicht meint, dann sagt er "Elite" oder "Oberschicht": Und es ist die intellektuelle, politische, wirtschaftliche Elite, die er auf beiden Seiten in die Verantwortung für ein besseres Zusammenleben nehmen will. Ögers Argumente für eine zügige Einbürgerung der Deutschtürken laufen darauf hinaus, daß man sich unter gebildeten Menschen doch verständigen können müsse. Kommt man ihm mit der Kopftuch-Angst der Deutschen, wedelt er ungeduldig mit beiden Händen. "Meine Großmutter sprach drei Sprachen", ruft er, der neben Türkisch und Deutsch auch Englisch, Französisch, Italienisch und Griechisch beherrscht, "sie hatte ein französisches Gymnasium besucht, ich trank Wein mit ihr - aber sie hatte 55 Kopftücher. Und?"

In Freundesland

Es kommt den Mitgliedern der prowestlichen, laizistischen türkischen Oberschicht, aus der auch der Offizierssohn Vural Öger stammt, seltsam vor, wenn ausgerechnet ihnen eine wachsende religiöse Radikalität unter den Deutschtürken vorgehalten wird. "Die einfachen Leute werden doch in den Fanatismus geradezu gedrängt, wenn ihnen die deutsche Gesellschaft ständig zeigt, daß sie zweitklassig sind, daß sie zwar Steuern zahlen, aber nicht wählen dürfen, daß ihre Kinder sich bei 500 Firmen bewerben und keinen Ausbildungsplatz bekommen", sagt er. "Man muß sich nicht wundern, wenn es hier bald mehr Koranschulen gibt als in der Türkei."

Gewiß, räumt er ein, die wirtschaftliche Situation sei in Deutschland zur Zeit nicht eben einfach: "Noch mehr ungelernte Menschen aus Anatolien braucht das Land nicht." Aber schließlich könne man selbst bei einem EU-Beitritt der Türkei die Freizügigkeit für zwanzig, gar fünfzig Jahre aussetzen. Die Beitrittsfrage sei mehr als eine politische Richtungsentscheidung Stolz spielt dabei eine große Rolle: Wie Ministerpräsident Yilmaz - dessen Ohr der Unternehmer hat - sieht Öger den christlichen Club am Werk, wenn Länder wie Rumänien oder Bulgarien der wirtschaftlich erfolgreicheren Türkei als Kandidaten vorgezogen werden. "Ich hatte vermutet, daß Deutschland uns nicht im Stich läßt. Das ist aber der Fall", sagte Yilmaz jetzt in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks, an der auch Öger teilnahm: "Die hochbeschworene Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei ist vergessen."

Doch wie steht es mit den berechtigten Vorbehalten: Gibt es denn da keine Menschenrechtsprobleme, Folter in den Gefängnissen, Unterdrückung der Kurden, was alles gegen eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union spricht?

Öger schnaubt den Rauch seiner Cohiba Esplendida - ein Geschenk des kubanischen Ministers für Fremdenverkehr - durch die Nasenlöcher und sagt düster: "China." Mit den Mördern vom Platz des Himmlischen Friedens rede die Bundesregierung ohne Skrupel - aus wirtschaftlichen Interessen. "Natürlich gibt es in der Türkei ein Defizit an Menschenrechten", sagt er. "Und die Ursache dafür ist das Kurdenproblem." Dieses wiederum sei wirtschaftlicher Natur: Die Türkei bekomme die bittere Armut im Süden nicht in den Griff die Menschen würden anfällig für extreme Ideen der türkische Staat reagiere mit Gewalt. "Wir werden dieses Problem nur lösen, wenn wir die schreckliche Armut überwinden. Dabei muß die EU helfen. Sie muß sagen: Hier sind fünf oder zehn Milliarden Mark zum Aufbau des Landes - und das sind die Bedingungen, zu denen ihr sie haben könnt. Und das ohne erhobenen Zeigefinger."

Vural Öger ist zuversichtlich, daß eine Verständigung gelingen könne.

Deutschland kommt dabei trotz aller Kritik eine wichtige Rolle zu. Als er 1961 zum Studium nach Berlin ging, habe sein Vater zu ihm gesagt: "Das ist Freundesland." So sieht Öger es bis heute.