Es kommt den Mitgliedern der prowestlichen, laizistischen türkischen Oberschicht, aus der auch der Offizierssohn Vural Öger stammt, seltsam vor, wenn ausgerechnet ihnen eine wachsende religiöse Radikalität unter den Deutschtürken vorgehalten wird. "Die einfachen Leute werden doch in den Fanatismus geradezu gedrängt, wenn ihnen die deutsche Gesellschaft ständig zeigt, daß sie zweitklassig sind, daß sie zwar Steuern zahlen, aber nicht wählen dürfen, daß ihre Kinder sich bei 500 Firmen bewerben und keinen Ausbildungsplatz bekommen", sagt er. "Man muß sich nicht wundern, wenn es hier bald mehr Koranschulen gibt als in der Türkei."

Gewiß, räumt er ein, die wirtschaftliche Situation sei in Deutschland zur Zeit nicht eben einfach: "Noch mehr ungelernte Menschen aus Anatolien braucht das Land nicht." Aber schließlich könne man selbst bei einem EU-Beitritt der Türkei die Freizügigkeit für zwanzig, gar fünfzig Jahre aussetzen. Die Beitrittsfrage sei mehr als eine politische Richtungsentscheidung Stolz spielt dabei eine große Rolle: Wie Ministerpräsident Yilmaz - dessen Ohr der Unternehmer hat - sieht Öger den christlichen Club am Werk, wenn Länder wie Rumänien oder Bulgarien der wirtschaftlich erfolgreicheren Türkei als Kandidaten vorgezogen werden. "Ich hatte vermutet, daß Deutschland uns nicht im Stich läßt. Das ist aber der Fall", sagte Yilmaz jetzt in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks, an der auch Öger teilnahm: "Die hochbeschworene Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei ist vergessen."

Doch wie steht es mit den berechtigten Vorbehalten: Gibt es denn da keine Menschenrechtsprobleme, Folter in den Gefängnissen, Unterdrückung der Kurden, was alles gegen eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union spricht?

Öger schnaubt den Rauch seiner Cohiba Esplendida - ein Geschenk des kubanischen Ministers für Fremdenverkehr - durch die Nasenlöcher und sagt düster: "China." Mit den Mördern vom Platz des Himmlischen Friedens rede die Bundesregierung ohne Skrupel - aus wirtschaftlichen Interessen. "Natürlich gibt es in der Türkei ein Defizit an Menschenrechten", sagt er. "Und die Ursache dafür ist das Kurdenproblem." Dieses wiederum sei wirtschaftlicher Natur: Die Türkei bekomme die bittere Armut im Süden nicht in den Griff die Menschen würden anfällig für extreme Ideen der türkische Staat reagiere mit Gewalt. "Wir werden dieses Problem nur lösen, wenn wir die schreckliche Armut überwinden. Dabei muß die EU helfen. Sie muß sagen: Hier sind fünf oder zehn Milliarden Mark zum Aufbau des Landes - und das sind die Bedingungen, zu denen ihr sie haben könnt. Und das ohne erhobenen Zeigefinger."

Vural Öger ist zuversichtlich, daß eine Verständigung gelingen könne.

Deutschland kommt dabei trotz aller Kritik eine wichtige Rolle zu. Als er 1961 zum Studium nach Berlin ging, habe sein Vater zu ihm gesagt: "Das ist Freundesland." So sieht Öger es bis heute.