Brecht bis zum Erbrechen! Vor fünfzig Jahren, als Brecht seinen Fünfzigsten einigermaßen lebendig feiern konnte, machte man kein solches Theater um ihn. In diesem Jahr, als er sich in der DDR niederlassen sollte, krähte kein Hahn nach ihm in den Westzonen, in der ZEIT, die heuer sich auch eifrig unter die Gratulanten reiht, erschien keine Silbe in den Februarausgaben 1948.

Mehr Aufhebens machte man mit einem anderen Dramatiker: Jean-Paul Sartre war zur Aufführung seines Stückes "Die Fliegen" in Berlin gewesen und war vom Osten zum "bösen Feind des Marxismus" erklärt worden: "ein vollbackiger Herr mit Augen, die hinter den dicken Gläsern nicht zu erkennen waren, dem die Zigarette nicht ausging" (ZEIT Nr. 7/48). Man drängte sich um ihn, den Vertreter des Existentialismus, den man besser rezipieren konnte als Brechts dröges Lehrtheater.

Von Brecht keine Silbe, er war der böse Feind des Kapitalismus. Auch nicht im Nachruf auf Karl Valentin (ZEIT Nr. 8/48), den Brecht doch verehrt, mit dem er sogar für kurze Zeit zusammengearbeitet hatte. Aber immerhin: Karl Valentin fand Gnade, man pries ihn in den höchsten Tönen: "Denn die Seele eines Philosophen wohnte in dieses Komikers Brust. Und so sprach er alle an: die Freunde des Humors und die der Philosophie, die Liebhaber eines handfesten Juxes und der Lebensweisheit, die Oberflächlichen und die Hintergründigen." Es würde mich schon interessieren, wer von den drei Herren in fünfzig Jahren noch Interesse finden wird. Eines ist klar: Jubelfeiern im Kulturbetrieb sind eine wohl arrangierte, für manche lukrative Angelegenheit, und die Art und Weise, wie man sie arrangiert, sagt sehr viel über die Befindlichkeit der Jubelnden aus.

Joachim Schultz Bayreuth

Der Start Brechts in Ost-Berlin vollzog sich ein wenig anders: Tatsächlich ging Brecht im Oktober 1948 nach Ost-Berlin, aber nicht, weil er eingeladen wurde, "in Ost-Berlin zu leben", sondern weil er vom Deutschen Theater eingeladen war, mit Helene Weigel "Mutter Courage und ihre Kinder" zu inszenieren. Während der Arbeit legt er den Plan vor, ein "eigenes" Ensemble zu gründen. Er stößt aber beim Oberbürgermeister Ebert und bei den Parteifunktionären (der Nochnicht-DDR) auf Ablehnung und spürt "den stinkenden Atem der Provinz". Brecht beendet seinen Berlin-Besuch am 22.

Februar 1949.

In Zürich schreibt er das Stück "Die Tage der Kommune", mit dem er am liebsten die Arbeit mit einem eigenen Ensemble begonnen hätte, und verhandelt mit Schauspielern für ein Theater, von dem noch nicht feststand, ob es überhaupt gegründet werden wird. Nach vielen innerparteilichen Auseinandersetzungen, in die sich auch sowjetische Kulturoffiziere einmischen, legt das Politbüro der SED den Etat für ein "Helene-Weigel-Ensemble" fest, offiziell erhält die zukünftige Intendantin erst am 18. Mai 1949 den Auftrag "für den Aufbau des Ensembles". Nun erst siedelt Brecht (am 30. Mai 1949) in den sowjetisch besetzten Sektor Berlins über. Bei den folgenden ersten Inszenierungen sehen sich die Funktionäre in ihren Vorbehalten Brecht gegenüber bestätigt. Sie gestatten Brecht zwar die Arbeit, sorgen aber dafür, daß er "keine Schule macht", und schränken bei allen Gelegenheiten die Wirksamkeit seiner künstlerischen und kulturpolitischen Aktivitäten ein. Helene Weigel sagte mir dazu einmal den folgenden charakteristischen Satz: "Wir waren nicht das, was sie wollten, aber sie wollten auch nicht verlieren, was sie mit uns hatten."