Kunst und Karriere

Im Juni 1803 schreibt Philipp Otto Runge an seinen Bruder: "Die Kunst muß erst recht wieder verachtet, für ganz unnütz gehalten werden, ehe wieder was daraus werden kann, oder sie muß auch recht einseitig auf alles angewendet werden. Es ist ein vergeblicher Wunsch, daß uns das Publikum recht verstehen soll ein individuelles Verständnis ist das einzige, was zu erlangen steht, und ist das, was uns selbst nur erhält in dem großen Wasser hingegen ersaufen wir am Ende mitsamt unsrer ganzen Individualität, so daß wir selbst nur noch eine große klare grüne Masse sehen, recht zum Kaltwerden uns abkühlen und aus der Welt gehen, daß nicht Hund noch Hahn darum kräht."

Runges Generation ist die erste, die endgültig nicht mehr damit rechnen kann, als Hof- und Unternehmenskünstler im Auftrag von Kirche und Adel für definierte räumliche und funktionale Kontexte zu arbeiten. Ihre Adressaten und "Auftraggeber" sind die Kunstausstellung, sprich: der Markt und ein anonymes Publikum. Die neue Situation wird mit großer Klarheit registriert und analysiert, was nicht ausschließt, daß daraus Mythen und Irrationalismen geboren werden. Ganz im Gegenteil. Den Fiktionen und den Strukturen, die die Karriere des "Ausstellungskünstlers" von circa 1750 bis heute bestimmen, widmet sich das neue Buch von Oskar Bätschmann. Runges hier nur in Auszügen präsentierter Brief könnte einen Grundriß zu einer Problematik liefern.

Das um 1800 grassierende und danach kaum nachlassende Gefühl der Nutzlosigkeit der Kunst steigert sich zu zwei extremen Lösungswünschen: Katastrophismus und Utilitarismus. Entweder erträumt man sich die Krise als totale und reinigende Heimsuchung, welche einer ganz anderen Kunst und Gesellschaft zum Leben verhilft oder man imaginiert die totale Indienstnahme - das meint Runge, wenn er schreibt: Kunst "muß ... auf alles angewendet werden". Er konzipiert eine neue Ausstattungskunst als Überwindung der Ausstellungskunst, und nach ihm tun das viele: die Saint-Simonisten, die Veranstalter der Weltausstellungen, die Männer und Frauen der Arts and Crafts, das Bauhaus, die Konstruktivisten und so weiter. Bätschmanns einschlägige Kapitel sind überschrieben "Avantgarde und nützliche Kunst" und "Soziale und mystische Legitimationen".

Doch die zahlreichen Ausweichversuche können die eine Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß das Medium des Ausstellungsbildes und die Institutionen Ausstellung, Salon, Galerie die Entscheidungsgrößen des Kunstbetriebs sind.

Edouard Manet: "Ausstellen ist die Lebensfrage, das sine qua non für den Künstler." Das System wird als Notwendigkeit hingenommen - und verachtet.

"Auf der Galerie ist's am alleranschaulichsten", schreibt Runge in dem zitierten Brief: Das Publikum und der Künstler würden sich für die alles entscheidende Begegnung quasi aufputschen, aber ihre jeweiligen Anstrengungen blieben gesellschaftlich folgenlos: "Keinen interessiert am Ende die ganze Geschichte, wenn er wieder zu Hause ist", und die Künstler würden über ihrem Eifer, wirken zu wollen, den Kontakt zu ihren wahren Empfindungen verlieren - sie "bornieren sich für das eigene Gefühl". Mit anderen Worten: Ausstellungen sind nicht nur ein neutrales "Medium der Kunstpräsentation", sie taugen vor allem als Instrumente für "Strategien und Karrieren". Das neue System hat Folgen, die der Ausstellungskünstler in Kauf nimmt und ausbeutet, zynisch, kalkulierend, widerwillig, verzweifelt, immer aber in der Hoffnung, selbst davon unberührt, also "authentisch" und "echt" bleiben zu können - Künstler eben und nicht Ausstellungskünstler.

Was die Konsequenzen für die Kunstwerke angeht, so notiert Bätschmann die "Forderung nach Verständlichkeit" (mit erheblichen Folgen für die Gattungs- und Themenwahl), den Wunsch nach Reproduzierbarkeit (und damit die Hoffnung, durch Nachstiche Profit zu machen) und das Setzen auf Aktualität. Er geht bedauerlicherweise an den vielen Kritiken der Zeit um 1800 vorbei, welche die neue Kunst als gezielten Anschlag auf die Sinne und Emotionen des Publikums angreifen. Eine Geschichte der Effekte und des Effektvollen müßte sich im Rahmen dieses Themas unterbringen lassen: Denken wir nur an die wunderbare Einrichtung des varnishing day, an dem die Maler ihre in der Londoner Akademie-Ausstellung gehängten Bilder auf Hochglanz bringen durften, bevor das Publikum eingelassen wurde - Turner griff dann schon einmal zu einer Bierlasur, um seine Malerei für den großen Augenblick süffiger zu machen und ihren "Ewigkeitswert" zugunsten ihres "Ausstellungswerts" zu ruinie ren.

Kunst und Karriere

Was das Selbstbild des Künstlers angeht, so zeigt Bätschmann, wie die Unübersichtlichkeit der neuen Verhältnisse (die jährliche Pariser Kunstausstellung konnte bis zu 8000 Gemälde zeigen und hatte an guten Tagen wohl 20 000 Besucher) den Künstler auf sich zurückwirft. Im "großen Wasser" und in der "großen klaren grünen Masse" würde er ja mitsamt seiner "Individualität ... ersaufen", sagt Runge. Abgrenzung von den vielen, "individuelles Verständnis" und individuelle Selbstermächtigung sind die notwendigen Elemente des Künstlermythos. "Damit dieser Mythos funktioniert, braucht der Künstler die Überzeugung von seiner Andersartigkeit, eine Gemeinde, die an ihn glaubt, und eine verständnislose und feindselige Umgebung." Runge hat das wiederum sehr genau ausgedrückt: "Nun sehe ich, daß ich, wenn ich in der Kunst was nehmen will, alles auf mich selbst bauen und aus mir herausarbeiten muß ..."

In vielen Passagen liest sich dieses souverän geschriebene und disponierte Buch wie eine Fabel, die ihren unfreiwilligen Referenzpunkt im Abbau unserer sozialen Sicherungssysteme hat. Ralf Zoll hat kürzlich drei historische Formen von gesellschaftlicher Sicherheit unterschieden: den Typus Geborgenheit, den er für das Mittelalter, den Typus Systemsicherheit, den er für die Neuzeit in Anspruch nimmt, und als dritte, heute aktuelle Sicherheitskonzeption den Leitgedanken der Selbstsicherheit, weniger heroisch ausgedrückt: der Selbstorganisation von Sicherheit. Künstler sind von der ersten Stufe gleich zur dritten durchgefallen. So gesehen, erscheint die Beuyssche Maxime "Jedermann ein Künstler" auf einmal in einer neuen und eher bedrohlichen Perspektive.

Oskar Bätschmann: Ausstellungskünstler - Kult und Karriere im modernen Kunstsystem

DuMont Buchverlag, Köln 1997 336 S., 158 Abb.,

49,90 DM