Ihren Kommentar zur Expo 2000 in der vorigen Ausgabe der ZEIT habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich vertrete allerdings eine grundsätzlich andere Auffassung als Sie, verehrter Herr de Weck. Das Internet ist eben nicht der große Erlöser, der die Welt vereint, die Grenzen überwindet und alle Menschen gleich macht. Ganz im Gegenteil: Das Internet spaltet die Menschen in User und Loser - in eine Informationselite, die über den Zugang zu den Wissensquellen verfügt, und eine breite Unterschicht von Ausgeschlossenen.

Eines der zahlreichen Projekte, die auf der Expo 2000 für eine Olympiade der guten Ideen präsentiert werden, ist eine Lampe, die tagsüber Solarenergie speichert, um abends Licht zu spenden. Eine solche Lampe kann Millionen von Menschen in Afrika zum ersten Mal in ihrem Leben die Möglichkeit geben, nach harter Tagesarbeit des Nachts ein Buch zu lesen oder einen Brief zu schreiben. Millionen von Menschen außerhalb unserer Wohlstandsinsel haben ja nicht einmal Zugang zu Energienetzen, geschweige denn einen Telephonanschluß, über den sie sich ins Internet einloggen könnten. Wer eine Weltausstellung im Internet veranstaltet, versammelt die Weltgemeinde der Netzbenutzer, aber er schließt einen Großteil der Weltbevölkerung aus. Schon deshalb kann die erste Weltausstellung der Geschichte in Deutschland nicht ausschließlich im Internet stattfinden. Nun mögen Sie einwenden, daß dieser Menschheitsteil wohl kaum eine Eintrittskarte kaufen wird, um im Jahr 2000 nach Hannover zu reisen. Aber genau aus diesem Grund ist dies die erste Weltausstellung der Geschichte, die nicht nur auf dem Ausstellungsgelände, sondern in Form von Hunderten Projekten rund um den Globus präsentiert wird.

Ihre Erwartungen an die heilbringende Wirkung des Internet trügen Sie noch in einem zweiten Punkt. Denn der Trend zur Virtualisierung der Welt ist nur eine Seite der Medaille. Es gibt einen ebenso mächtigen Gegentrend, der mittlerweile eine ganze Industrie beschäftigt. Es ist der Hunger der Menschen nach Erlebnissen und Begegnungen, nach körperlicher Präsenz und unmittelbarer Teilhabe, der sie in die Fußballstadien und zu Bürgerfesten treibt oder dazu bewegt, an einem Gummiseil vom Hamburger Fernsehturm zu springen. Wenn das Computerbild als einziges Fenster zur Welt übrigbleibt, vereinsamen die Menschen. Kein Internet-Anschluß kann die persönliche Begegnung ersetzen und keine Echtzeit-Simulation das Live-Erlebnis. So ist der überwältigende Erfolg der Reichstagsverhüllung von Christo zu erklä-ren: Die Menschen wollten das Kunstwerk selbst in Augenschein nehmen und teilhaben an einem nicht reproduzierbaren Ereignis. Sie wollten die Atmosphäre, die dieses Ereignis erzeugt, mit allen Sinnen erfahren und gemeinsam erleben.

Diesem legitimen Bedürfnis nach Teilhabe an einem gemeinschaftlichen Erlebnis trägt auch die Expo 2000 Rechnung. Unser Kulturprogramm wird Live-Ereignisse bieten, die im Gedächtnis haften bleiben. Unser Themenpark soll eine emotional bewegende Auseinandersetzung mit den globalen Menschheitsthemen vermitteln (und sich dabei übrigens auch mit den Chancen und Folgen der neuen Medien wie dem Internet beschäftigen). Unsere weltweiten Projekte laden ein zu einem globalen Dialog über Lösungen für das 21. Jahrhundert. Und die Pavillons der Nationen ermöglichen den Besuchern eine Weltreise zu Fuß.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich wissen wir um die neuen Möglichkeiten der Kommunikation, die das Internet bietet. Seit Oktober 1995 ist die Expo 2000 im Netz präsent, unsere Homepage wurde bislang rund 3,3millionenmal abgerufen und gewann mehrere Preise. Dabei nutzen wir das Internet eben nicht nur zur Selbstdarstellung, sondern auch als Forum für den Zukunftsdialog und als Hilfe bei der Suche nach den Lösungen, die wir dann im Jahr 2000 auf der Weltausstellung präsentieren wollen.

Eine reale Weltausstellung als Stätte menschlicher Begegnung ist im digitalen Zeitalter mehr denn je berechtigt. Die Expo 2000 entspricht dem drängenden Wunsch der Menschen, sich am Beginn des 21. Jahrhunderts zu treffen, auszutauschen und zu orientieren. Wer die Weltausstellung zu einer virtuellen Veranstaltung entwirklicht, leistet der Entfremdung der Menschen Vorschub.

Die Debatte wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt