Erinnerung: Mit einem Mal ist es still, stecknadelstill. Hinter der Couch mit dem Spießerdeckchen steht Gary. Er ist nackt. Über seiner Hüfte glänzt fett ein großes schwarzes Tattoo. Gary wartet. In der Luft kleben das Lachen von gerade eben und warm ein leichter Hauch von Schweiß...

Ein weißer Blechcontainer, nichts weiter. Hingespült an den Gehsteig der Schumannstraße in Berlin. Außen Bretterwege: die Baracke des Deutschen Theaters. Vor einem Jahr eröffneten der Regisseur Thomas Ostermeier und der Dramaturg Jens Hillje die Blechbox als dritte Spielstätte des DT. Seither kämpft die Baracke allabendlich gegen ihre Kapazitätsgrenzen. Das Publikum strömt: Jeansträger, Lederhosen, ein paar Anzüge: Kinopublikum.

Barackenpublikum. Ein erster Besuch endet gewöhnlich vor der Luke an der Vorderfront, der notorisch ausverkauften Theaterkasse. Insider, die reservierte Karte in der Hand, umrunden gelassen den Kubus, genehmigen sich erst einmal ein Bier in der dahinter liegenden "Acke-Bar". Stehen dann vor der Tür zum Einlaß Schlange, diesmal für einen guten Sitzplatz. Platzkarten gibt es keine in der Baracke, es passen ohnehin maximal neunundneunzig Sitze in den engen Kasten. Im Inneren wird der White cube zur Black box. Kante an Kante drängeln sich die Zuschauerstühle auf dem bißchen Freiraum, der zwischen Technikermischpult und den variierenden Bühnenorten verbleibt. Die Temperatur steigt. Die Türen schließen sich. Blackout.

Geht das Licht wieder an, sieht man ein Proll-Sofa, Bier- und Pepsidosen auf den Heizkörpern, verfleckte Kissen, Zigarettenkippen und leere Pizzakartons: In der jüngsten Arbeit des Teams wurde eine Ecke des Barackenraums zum abgewohnten Londoner Neubausilo. Vier junge Junkies, Lulu, Robbie, Mark und Gary, vergammeln hier ihr Leben. Sie sind süchtig nach Drogen, Sex und Konsum, vor allem aber hoffnungslos süchtig nach Liebe. "Shoppen und Ficken", der Text des 31jährigen Londoner Autors Mark Ravenhill, steckt im Londoner Straßendreck. Seine Sprache ist obszön und heruntergekommen, beiläufig zärtlich. Die theatralische Poesie der Figuren liegt jenseits der Worte, in ihren Gefühlen, über die sie störrisch schweigen. Dort erspürt sie Thomas Ostermeier in seiner jüngsten Barackeninszenierung.

Auf der Barackenbühne erklingt die im Text verborgene Sprache der Wortfaulen: Ihre Ausdrucksform, ihre Zärtlichkeit ist eine körperliche. In der Gammelecke füttern sie einander, küssen, lecken, schlagen einander. Der körperliche Rhythmus der vier, zwischen Ecstasy-Euphorie und trostloser Ermattung, treibt den Abend voran. Schwebend leicht, irrwitzig komisch und unendlich traurig kommt das Stück in der Baracke daher. Der Abend prägt sich wie Polaroidaufnahmen in die Netzhaut, schnell und flüchtig, eigentümlich nah.

Jule Böwe als Lulu, einzige Frau inmitten schwuler Männer, mit aufgewärmten Fertiggerichten über die Bühne hastend, um wenigstens ein Restchen Liebe buhlend - und später am Mikro, singend mit einer Stimme, deren metallische Brüchigkeit an die Portishead-Sängerin Beth Gibbons erinnert. Dazu Bruno Cathomas als Robbie, Schusselkörper, Funny-Bones-Comedian, in verzweifeltem Slapstickkampf mit dem Mobiliar.

Lulu liebt Robbie, Robbie liebt Mark, Mark liebt Gary, und Gary, der vierzehnjährige Stricher, vom Stiefvater vergewaltigt, vom Jugendamt mit einem Merkzettel abgefertigt, sucht nach dem Traummann, dem starken Beschützer. Ostermeier entdeckt in dem Autor Ravenhill einen Junk-Tschechow und in "Shoppen und Ficken" die Sehnsuchtsketten der "Möwe". Das Wohnzimmer bleibt der Rückzugsort der Sehnsüchtigen. Zusammengesunken hockt Robbie auf dem Sofa, neben sich den Erfolgsmenschen Brian, ordentlich in Anzug und Krawatte verpackt, aufrecht, selbstgerecht, daneben Lulu, kurzsichtig, konzentriert. Die drei schauen Video: Brians Sohn, cellospielend. Drei Körper, drei Rhythmen, drei Welten.