Lange keinen Offenen Brief mehr gelesen. Das neueste Exemplar dieser Extra-Post, die alle Tariferhöhungen der Telekom zugunsten des Radrennsports erfolgreich überstanden hat, kommt aus Berlin und handelt von der Kunst, um die sich jetzt alle, die in Berlin dabeisein wollen, so ungeheuer verdient machen, denn wo Verdienst ist, wächst das Rettende auch.

Es geht um die künstlerische Ausstattung der künftigen Regierungsgebäude, ein Fell, das weitgehend und bei weitgehendem Schweigen verteilt ist unter bekannten Namen und gemischten Verbindungen. Und nun haben Künstler, Schriftsteller und Exbürgerrechtler einen Protestbrief unterzeichnet. Wer noch nichts über den Inhalt weiß, könnte sich zunächst einmal vorstellen, daß in diesem Brief gefragt wird, ob es zur Zeit eigentlich sinnvoll ist, insgesamt sechzig Millionen Mark für die Ausstattung der Regierungs- und Bundestagsgebäude auszugeben, während ringsum im Land (auch im Land Berlin) die Kulturetats ausgetrocknet werden. Wie wär's mit dreißig? Aber nein, um solche realen Banalitäten geht es nicht, es geht um Gesinnung, und der Protest solcher Wohlmeinenden wie Ralph Giordano, Jürgen Fuchs und Freya Klier et cetera geht gegen eine Person: den Maler Bernhard Heisig. Daß Heisig zu DDR-Zeiten ein staatlich hochgehaltener Name war, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, daß er zwar kein Neuerer, aber ein ebenso versierter wie leidenschaftlicher Künstler ist, ein sozialistischer Historienmaler aus Überzeugung. Eine "Ehrenrettung von Bernhard Heisig durch die nachträgliche Würdigung auf neudeutschem Niveau", heißt es in dem Schreiben der 59 Aufrechten, "ist nicht nur ein kunsthistorischer Irrtum, sondern auch eine politische Instinktlosigkeit."

Das Regierungsareal in seiner Funktion als Kunst-am-Bau-Pfründe: das ist vor allem der Reichstag, in dem Polke, Richter, Baselitz und Uecker die Weststars sind, zu denen Heisig und Carlfriedrich Claus (Ostkunst) kommen sollen, aber auch, so wurde betont, Siegermächte-Künstler wie Jenny Holzer (USA) Christian Boltanski (Frankreich) und Ilya Kabakov (UdSSR) mit von der Partie sind. Der Berliner Reichstag ist nicht die documenta oder die Biennale. Er ist in erster Linie ein politischer Ort. Und eine der spannendsten gesamtdeutschen Lektionen, die uns die Kunst hier erteilen kann, ist der Vergleich zwischen Gerhard Richter, der aus Dresden wegging, und Bernhard Heisig, der in Leipzig blieb.