Bonn

Noch ein ganzes Jahr müssen wir uns zum Frühstück mit süßem Tee und Brot, zu Mittag mit Brot und süßem Tee und abends einfach mit beidem begnügen. Ihr wißt, Kinder, unser Diktator braucht Geld." So hat es meine Mutter gesagt, als ich sieben Jahre alt war. Das war vor 32 Jahren. Der Satz paßt auch heute noch. Wörter wie Embargo und Diktator gehören zum Grundwortschatz der irakischen Kinder, und es verbinden sich damit leibhaftige Gefühle wie Hunger und Schmerz.

Der Schrecken wird zur Normalität, wenn Tag für Tag Nachbareltern mit ihren Kindern, den Freunden, erschossen werden wenn Schulkameraden von einem Tag auf den anderen fehlen, weil die ganze Familie vergiftet wurde wenn Häuser einer Straße mit Napalmbomben zerstört wurden wenn Mädchen vergewaltigt werden ...

Damals waren nicht die "ungläubigen Europäer und Amerikaner" schuld am Elend, sondern, wie ich im Exil erkannte, die irakischen Regime selbst. Damals lag der Irak am Ende der Welt. Niemand konnte unser Schreien hören, weil niemand von uns wußte. Heute ist der Irak umringt von der Welt und bewegt sich dennoch nicht.

Seit neunzehn Jahren terrorisieren Saddam und seine Söhne mit Waffen aus Europa, Amerika und Rußland die irakische Bevölkerung. Seit acht Jahren ist den Waffenlieferanten endlich bewußt geworden, daß dieses Vernichtungsarsenal nicht nur das irakische Volk, sondern den Rest der Welt bedrohen könnte.

Seit sieben Jahren beobachtet die Weltöffentlichkeit das endlose Theaterstück: "Saddam Hussein und die Uno". Mit der rechten Hand überläßt der Diktator den UN-Inspekteuren eine Giftgasrakete, mit der linken Hand gibt er das Startsignal zum Bau neuer Waffenfabriken. Während sich junge Männer mit dem Slogan: "Wir opfern uns für dich, o Führer!" in Trance schreien, bereitet Saddam den nächsten Akt des irakischen Dramas vor. Er hat genügend Zeit, um chemische und biologische Waffen von einem dunklen Keller in einen noch dunkleren Keller zu transportieren und gleichzeitig die Weltgemeinschaft zu zerspalten. Der drohenden Faust Amerikas hält er gestellte Bilder von verhungernden irakischen Kindern entgegen, unter dem Motto: Seht her, wie die westlichen Sanktionen das Volk in die Not treiben.

Saddam hat nach dem Golfkrieg gelernt, daß dem Irak nicht viel mehr als militärische Nadelstiche drohen. Ihm selber geschieht ohnehin nichts. Er weiß auch, daß die arabischen Länder auf einen neuen Angriff der Amerikaner zurückhaltend reagieren werden. Sie fürchten die Rache des immer noch mächtigen Irakers wie die einer verletzten Schlange.