Monte Carlo ohne Musik" - so lästerte einst Georg Siemens, erster Chef der Deutschen Bank, über die Börse. Eine weitsichtige Analyse. Denn tatsächlich ähnelt das aktuelle Geschehen an den Kapitalmärkten eher einem Glücksspiel als einer seriösen Versteigerung von Vermögenswerten.

Fast täglich vermelden die Wall Street und der Frankfurter Aktienmarkt neue Rekorde. Die Kurse klettern auf bislang unerreichte Höhen, so als gäbe es in Südostasien keine schwere Wirtschaftskrise. Während an den Finanzmärkten der vormals hochgelobten Tigerstaaten die Hölle los ist, tut der Westen so, von einigen nervösen Zuckungen abgesehen, als sei nie etwas passiert.

Nur allzu verständlich sind da Zweifel, ob die Kurse überhaupt noch die realwirtschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln. Das Wort vom irrationalen Kasino-Kapitalismus macht die Runde, die Rufe nach einer stärkeren Regulierung der Märkte werden lauter. Selbst dem wohl bekanntesten Spekulanten der Welt, George Soros, geht die Freiheit der Geldgeschäfte inzwischen zu weit.

Die Verfechter der herrschenden Lehre läßt die Kritik kalt. Sie glauben unbeirrt an die Unfehlbarkeit des Marktes. Als der unverdächtige Alan Greenspan, Präsident der amerikanischen Notenbank, vor einem "irrationalen Überschwang" an den Aktienmärkten warnte, schlug ihm viel Unmut entgegen.

Greenspan hatte eine doppelte Sünde begangen: Erstens verstieß er gegen die Regel, wonach sich Fed-Chefs gefälligst nicht zur aktuellen Börsenentwicklung äußern. Und zweitens zog er den Glaubensgrundsatz in Zweifel: Der Markt hat immer recht.

Diese Überzeugung ist nicht nur bei denjenigen Anlegern weit verbreitet, die mit Aktiengeschäften reich wurden. Auch ärmere Universitätsprofessoren hängen ihr an - und einige unter ihnen, die sie zu belegen suchten, brachten es dank Nobelpreis-Verleihungen für entsprechende Hypothesen sogar zu einem gewissen Wohlstand.

Ihre Theorien sind unter dem Oberbegriff der Markteffizienz in die Lehrbücher eingegangen. Grob vereinfacht besagt sie: Im Aktiengeschäft tummeln sich unzählige Spekulanten, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als akribisch nach Gewinnchancen zu suchen. Ihre individuellen Erwartungen bestimmen letztlich den Preis. Da darin alle verfügbaren Informationen eingeflossen sind, kommt am Ende der "richtige" Wert heraus.