Letztens in der Sprechstunde beim Patentamt, welch ein Gedränge. Die überforderten Beamten kamen mit dem Stempeln gar nicht mehr nach.

Brecht-Reisen. Patentiert! Schiller-Tours. In allen Schreibweisen markenrechtlich geschützt! Beethoven-Bus-Service. Als Trademark amtlich abgesegnet! Es geht ein Ruck durch das Land. Wo gestern noch Stillstand und Einfallslosigkeit herrschten, wird plötzlich erfunden, daß sich die Balken biegen.

Der Urheber dieser neuen Gründerzeit lebt in Neuruppin und gehört als ehemaliger Bundeswehroffizier einem Berufsstand an, der kühner Innovationen eigentlich eher unverdächtig ist. Jener Mensch also hat sich die Freiheiten eines Christenmenschen genommen, den Luther Tourismus Service erfunden und als Patent angemeldet. Nunmehr wolle er an allen Projekten und Aktivitäten, die sich um den Reformator ranken, finanziell beteiligt werden, ließ der Mann aus Neuruppin wissen.

Daß er selbst Pilgerscharen nach Wittenberg oder auf die Wartburg führen wird, erscheint dagegen eher fraglich. Der zugereiste Wessi aus dem Sauerland ist einfach zu sehr beschäftigt mit der Entwicklung innovativer touristischer Patente, die in Brandenburg, Thüringen und Sachsen derzeit Angst und Schrecken verbreiten. Ruppiner Land Tourismus Service. Oder Fontane Tourismus Service.

Das alles ist neuerdings geistiges Eigentum und mithin markenrechtlich geschützt. Bald wird man Tantiemen dafür zahlen müssen, wenn einem in der Straßenbahn versehentlich ein patentiertes Wort entschlüpft. Und die "Lutherstadt" Wittenberg wird sich reiflich überlegen, wie lange sie sich ihren gebührenpflichtigen Vornamen noch leisten kann.

Latente Patente liegen wie Rohdiamanten auf der Straße, und der Bundeswehroffizier a. D. sammelt sie ein. Seine Botschaft lautet: Wer die deutschen Klassiker neu entdecken will, muß sie nicht lesen, sondern einfach "Tourismus Service" an den klangvollen Namen dranpappen, Patent anmelden, Hand aufhalten und Millionär werden.

Das Ei des Columbus. Die unternehmerische Idee besticht auch deshalb, weil man eigentlich gar nichts unternehmen muß. Der Erfinder des Luther Tourismus Service wartet ab und verschickt Rechnungen: an Volkshochschulen, die Studienreisen "Auf den Spuren Luthers" veranstalten, oder auch an die Deutsche Bahn, wenn sie eines Tages einen ICE auf den Namen des Reformators taufen lassen sollte.