Jeder, der schon einmal versucht hat, mit eiskalten Fingern eine Münze aus dem Portemonnaie zu fischen, weiß, welche Schwierigkeiten das bereitet.

Bei tiefen Temperaturen verengen sich die Verästelungen der Blutgefäße in den Hautschichten, um der Kühlung des Körperinneren vorzubeugen. Daher können die in der Haut liegenden Rezeptoren keine Tastreize mehr aufnehmen, und die Sinneseindrücke des Tastens werden nicht mehr an das Gehirn weitergeleitet.

Eine Robbe kann sich ein solches Handicap nicht leisten. Bei ihr muß der Tastsinn auch noch bei Temperaturen nahe des Gefrierpunktes einwandfrei funktionieren. Mit ihren auffälligen Haaren über den Augen und an beiden Seiten der Schnauze ertastet eine Robbe ihre Umwelt und kann damit sogar Objekte "erkennen" - eine Fähigkeit, die in eisiger Brühe nicht verlorengehen darf. Zugleich allerdings muß sie ihren Körper vor Unterkühlung schützen. Wie lösen die Raubtiere unter den Meeressäugern diesen elementaren Konflikt?

Der Verhaltensbiologe Guido Dehnhardt an der Universität Bonn hat den Kniffen der knuffigen Tiere nachgespürt und herausgefunden, daß wesentliche Bestandteile des Robbentastsinns stets mit Wärme versorgt werden - eine Ausnahme im sonst vorherrschenden Energiesparprogramm der Meeressäuger. So konnte Dehnhardt nachweisen, daß der Tastsinn von Seehunden bei Wassertemperaturen um 1 Grad Celsius ebenso zuverlässig und effizient arbeitet wie bei sommerlichen 22 Grad.

Diese Leistung ist um so erstaunlicher, da Wärme im Wasser bis zu hundertmal schneller verlorengeht als an der Luft. Weite Teile der Körperoberfläche von Robben kühlen daher in eiskaltem Wasser tatsächlich auf wenige Grad Celsius ab. Daß die Seehunde dennoch die Kerntemperatur ihres Körpers auf 36 bis 38 Grad halten können, liegt an der dicken Fettschicht, die sie sich zur Isolation anfressen. "Blubber" nennen Zoologen diesen Antifrostpanzer.

Doch zum Schutz der "Gliedmaßen" einer Robbe - Flossen und Barthaare - nützt auch die dickste Fettschicht nichts. Dafür haben die Meeressäuger weitere Isolationsmaßnahmen entwickelt. Die Flossen weisen etwa ein ausgeklügeltes System des Gegenstromwärmeaustausches auf: Arterien, die warmes Blut aus dem Körperinneren führen, werden möglichst nahe vorbeigeleitet an Venen, die das in der Haut abgekühlte Blut zum Herz zurückführen.

Die Wärme des arteriellen Blutes wird dabei teilweise auf das kältere venöse Blut übertragen und geht nicht gänzlich an die Umgebung verloren. Nächster Trick: Die Tiere verengen die Gefäße in der Haut und den Speckschichten, daß möglichst wenig warmes Blut an der Grenze zwischen kaltem Wasser und Körperinnerem fließt.