Seid kreativ, und alles wird gut! So lautet die Heilsbotschaft der Kreativitätsforschung, die uns nicht nur Improvisationstalent und innere Freiheit verheißt, sondern auch persönliches Glück. Es gehört schon ein unabhängiger Geist wie Hartmut von Hentig dazu, um hinter all dem Kreativqualm die eher dürftige Substanz des Begriffs sichtbar zu machen. Mit viel subtiler Ironie schlägt er dem Leser eine Schneise durch den Begriffsdschungel und geleitet ihn nach nur knapp achtzig Seiten sicher zu der Erkenntnis: "So hat denn die Kreativitätsforschung unter großem Kreißen eine Maus geboren."

Seinen Ursprung hat das Tierchen in den USA, wo sämtliche Versuche, eine Meßzahl für menschliche Intelligenz zu finden, äußerst unbefriedigend verliefen. Die Intelligenzforschung produzierte mitunter peinliche Ergebnisse wie etwa die Behauptung, Weiße seien intelligenter als Farbige. Darum begaben sich die Forscher auf die Suche nach weiteren Begabungsfaktoren und entdeckten die Kreativität.

Die größte Schwäche der Kreativitätsforschung, so von Hentig, liege darin, daß sie den Begriff Kreativität immer nur an einer Person festmache, die kreative Eigenschaften habe - niemals aber an einer Situation, die Menschen erst kreativ werden läßt. Doch nicht nur die situative Bedingtheit ihres Gegenstandes werde von den Kreativitätsforschern übersehen. Auch über das, was Kreativität eigentlich sei und was mit ihr einhergehe, sei von den Experten nichts zu erfahren. Ist Kreativität etwa an ein besonderes Alter gebunden? Kann man sie auch verweigern? Wie beeinflußt sie den Willen zur Wahrnehmung oder das Denken? All das beantwortet die Kreativitätsforschung nicht. Statt dessen sammele sie vermeintlich "kreative" Merkmale: ursprünglich, unbefangen, originell, kühn, neugierig, phantasievoll und so weiter. "So verfährt man in unseren Humanwissenschaften - man subsumiert Erscheinungen unter einen Begriff wer das für eine besonders breit gestreute Zahl von Erscheinungen leistet, ist ein wissenschaftlicher Meister."

Besonders anschaulich sind freilich diejenigen Passagen seines Buches ausgefallen, die sich mit der "praktischen" Umsetzung von wissenschaftlich konzipierter Kreativität auseinandersetzen. Schließlich ist Hartmut von Hentig auch ein Praktiker, der das Reformmodell seiner Bielefelder Laborschule nicht nur konzipierte, sondern auch aus eigener Mitarbeit kennt.

Mit Schaudern beschreibt er eine "Zukunftswerkstatt für Kinder", entworfen von der schleswig-holsteinischen Landesregierung und dem Deutschen Kinderhilfswerk, die die lieben Kleinen von Bevormundung und Systemzwang befreien soll. Das Ganze ist stramm organisiert in eine "Beteiligungsspirale" aus "Kritik- und Beschwerdephase, Phantasie- und Utopiephase, Umsetzungs- und Präsentationsphase". Erzeugt werden soll dabei "die Herstellung von Bezügen" aller Art, und angestrebt wird die Anleitung zu bestimmten Visualisierungs- und Moderationsmethoden, spielpädagogischen Methoden, Ideenfindungsverfahren, Problemlösungsstrategien, Kleingruppenarbeit - "eine wahre Scholastik der Kreativitäts- und Befreiungspädagogik, ... die typische Hirngeburt einer staatlichen, obendrein pädagogischen Instanz".

Aber damit nicht genug. Von Hentig zeigt auch, wie solche "Innovations-Gymnastik" derzeit flächendeckend benutzt wird, von der Politik bis zur Wirtschaft. Hinter der vielbeschworenen Kreativität vermutet er lediglich die Absicht, auf wirtschaftlich bedeutsamen Gebieten das Sagen zu haben: "Mit dem Wort Kreativität entlockt man uns die Bereitschaft, in den mainstream der Entwicklungen - möglichst weit vorn - einzumünden." Selbst dort aber, wo Kreativität sich unmittelbar zeigt, in der Spontaneität von Kindern etwa, tauge sie nicht allzuviel. Ungezügeltheit, Unerfahrenheit, naives, unkalkuliertes Handeln würden Kindern in der Welt der Erwachsenen sogar oft zu einer Gefahr. Kreativität ist nicht per se ein positiver Wert.

Es müssen "Erkennen, Prüfen, Verstehen, Durchhalten hinzukommen". Und schließlich dürfe nicht vergessen werden, daß "Erfindung an sich keinen Wert darstellt, sondern eines Zweckes bedarf".