Wenn Institutionen beginnen, sich mehr mit ihren internen Strukturen zu befassen als mit ihrem nach außen gerichteten Daseinszweck, dann stehen sie häufig am Beginn des Niedergangs. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es Anlaß, sich um die Studienstiftung des deutschen Volkes zu sorgen, die sich gegenwärtig, das kann man ihren Publikationen entnehmen, heftig selbst reflektiert.

Das größte deutsche Begabtenförderungswerk betreut etwa 5000 Stipendiaten und verfügt über einen Jahresetat von rund 50 Millionen Mark, die überwiegend aus Mitteln des Bundesbildungsministeriums stammen. Es unterstützt die akademische Ausbildung junger Menschen, die sich durch "Leistung, Initiative und Verantwortung" besonders auszeichnen. Von den Geförderten wird erwartet, daß sie der Gesellschaft nach Abschluß ihres Studiums etwas zurückgeben: Forschungserfolge, herausragende kulturelle Leistungen, politische Führungsfähigkeit, zum Beispiel. Manchmal klappt das und manchmal nicht.

Die Methoden der Studienstiftung waren bisher wunderbar altmodisch und kaum angefochten von irgendwelchen egalitären Bedenken: Anders als bei den Parteienstiftungen kann sich dort niemand selbst bewerben. Die Direktoren der Gymnasien schlagen ihre herausragenden Abiturienten, die Professoren ihre vielversprechenden Jungsemester vor besondere Auswahlkommissionen entscheiden über die vorläufige Aufnahme der Kandidaten in die Stiftung. Ein Vertrauensdozent am Hochschulort achtet auf die Manieren der Stipendiaten und ihr universitäres Vorwärtskommen die Bad Godesberger Stiftungszentrale verlangt Rechenschaftsberichte über die Semesterleistungen.

In Sommerakademien wird an malerischen Orten auf hohem wissenschaftlichem Niveau gemeinsam gelernt aufwendige Sprachkurse und Auslandsstipendien runden das Angebot ab. Die Höhe der finanziellen Zuwendungen orientiert sich an den Bestimmungen des Bafög. Für die Geförderten ist all dies ziemlich angenehm, sind sie doch Mitglieder einer Art virtueller Eliteuniversität, für die es in Deutschland keine Entsprechung im massenuniversitären Hochschulbetrieb gibt. Und die Gesellschaft bekommt immerhin, so lesen sich die Ehemaligenverzeichnisse, eine ganze Reihe von Professoren, Museumsdirektoren und Chefredakteuren, die ihr vielleicht nützlich sind.

Doch im Bildungswesen kann der veränderungsverliebte Geist von 1968 niemals etwas so lassen, wie es ist. In Gestalt von Gerhard Teufel, seit 1995 Generalsekretär der Studienstiftung, weht er durch die Einrichtung und sucht zu verbessern, was schon gut ist. Dabei muß zwangsläufig selbstreflexiv nachgedacht werden: zum Beispiel in "Zukunftswerkstätten", auf die Herr Teufel recht stolz ist. Eine fand bereits statt, deren Ergebnisse das Stiftungsmagazin Transparent in seiner jüngsten Ausgabe dokumentiert: Danach mangelt es Stiftung und Stipendiaten, so schreiben studentische Teilnehmer der Veranstaltung, an einem "Dialog-Forum" und einem "Innovationswettbewerb", an Praxisnähe, an der "Lust, in dem Verein was loszumachen", an einem gemeinsamen "Projekt" und, hätte man es nicht ahnen können, an demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten für die "Stiftis": "Derzeit, scheint mir, haben die Kids in jedem Jugendzentrum mehr mitzureden als die vielzitierte Elite der deutschen Studenten in ihrer Fördereinrichtung, der Studienstiftung", entrüstet sich ein Förderling.

O ihr Kids, möchte man der möglicherweise künftigen Elite zurufen, hütet euch vor den Zuschreibungen eurer modernisierungswütigen Betreuergeneration! Laßt euch keinen "Dialog" und keinen "Diskurs" aufschwatzen, der sich nur mehr um euch selbst dreht! Tummelt euch in Parteien, Gewerkschaften, Hochschulgruppen, Sportvereinen! Aber engagiert euch nicht als Studienstiftler. Die Gesellschaft, in ihrer ganzen Vielfalt, mit all ihren Problemen, ist der Ort der Praxis: Dort gilt es zu handeln.