Es ist unbestreitbar, daß in den neunziger Jahren eine Renaissance der Totalitarismustheorien eingesetzt hat. Ebensowenig bestreitbar ist allerdings, daß sich die Reaktualisierung einer längst tot geglaubten, für viele mit der Ära des Kalten Krieges verknüpften politischen Theorie bislang wissenschaftlich nicht hat durchsetzen können. Auch wenn hier und da vom "Stillen Sieg eines Begriffs" gemunkelt wird - so der Titel eines Aufsatzes von Jürgen Braun in der Wochenzeitung Das Parlament -, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, daß dem Terminus noch immer die Aura eines politischen Kampfbegriffs anhaftet.

Vor diesem Hintergrund ist es zunächst einmal zu begrüßen, daß sich der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann die Aufgabe gestellt hat, die verschlungene, facettenreiche und in vielerlei Aspekten länderspezifische Geschichte der Totalitarismustheorien auf den neuesten Stand zu bringen. Seit den kenntnisreichen Monographien von Martin Jänicke und Walter Schlangen sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Wippermanns Abriß "Totalitarismustheorien", in dessen Zentrum die Frage steht, ob es sich bei ihnen überhaupt um wissenschaftliche Theorien oder nicht eher um politische Ideologien handelt, taugt jedoch kaum dazu, dort anzuknüpfen, wo die Rekonstruktion damals abgebrochen wurde.

Auch wenn der Autor einige lesenswerte Kapitel zur Entstehung des Begriffs in der Frühzeit des italienischen Faschismus und zur totalitären Erfahrung von Exkommunisten im Spanischen Bürgerkrieg, der Geburtsstunde des klassischen Renegaten, liefert, macht er es dem Leser mit einer Reihe von Pauschalurteilen und polemischen Seitenhieben schwer, seine Sicht der Theoriegeschichte nachzuvollziehen. So ist zum Beispiel die Aussage, kaum eine andere historische Theorie sei "durch die Geschichte selber so völlig widerlegt worden" wie das von Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzezinski vor vierzig Jahren in ihrem Standardwerk "Totalitäre Diktatur" entwickelte Totalitarismusmodell, selbst ein unhaltbares Verdikt. Daß die poststalinistischen Regime nicht mehr unter ihrem berühmten Fünf- beziehungsweise Sechspunktekatalog zu fassen seien, daran haben die beiden prominenten Autoren später selbst keinen Zweifel gelassen. Im Kern besteht das Problem darin, daß sich von einem erklärten Gegner der Totalitarismustheorie - der Wippermann zweifelsohne ist - keine angemessene Darstellung ihrer Genese und ihres historischen Kontextes erwarten läßt.

Immer wieder schlagen Werturteile durch, wo die Distanz des Historikers gegenüber dem von ihm umrissenen Gegenstand zu erwarten wäre.

Angeblich befinden sich deutsche Intellektuelle wieder einmal auf einem gefährlichen Sonderweg, weil sie sich - nun der deutschen Einigung wegen - dem Totalitarismusthema anzunähern versuchten. Indem sie zwei deutsche Diktaturen miteinander verglichen, liefen sie Gefahr, so Wippermann, die DDR zu dämonisieren und den Nationalsozialismus zu relativieren. Eine besondere Rolle spielt deshalb für ihn die Frage, wie Wissenschaftler und Intellektuelle in vergleichbaren westlichen Staaten auf die Herausforderungen von Faschismus und Kommunismus reagiert haben.

Einem krassen Fehlurteil sitzt Wippermann auf, wenn er schreibt, in Frankreich habe es vor dem "Gulag-Schock", der Rezeption von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" Mitte der siebziger Jahre, keine entwickelte Totalitarismusdiskussion gegeben. Er selbst nennt nur Boris Souvarine, Bernard Lavergne und Raymond Aron als angebliche Ausnahmen. In Wirklichkeit jedoch hat es, wie der Zürcher Politikwissenschaftler David Bosshart in einer 1992 erschienenen Dissertation nachweisen konnte, im Frankreich der Nachkriegszeit eine ungemein heftige Auseinandersetzung um die totalitären Systeme gegeben. Der kürzlich verstorbene Trotzkist David Rousset war der Prototyp des antitotalitären Intellektuellen in einer Debatte, in der es um die Existenz der sowjetischen Lager im besonderen und die politische Bewertung des Stalinismus und dessen Vergleichbarkeit mit dem Nationalsozialismus im allgemeinen ging.

Die Zerwürfnisse des bis zum Ungarnaufstand prokommunistisch eingestellten Sartre mit Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus haben in diesen Fragen ihre Wurzel. In der Bundesrepublik hingegen, wo einerseits die Weltanschauung der Verfassungsväter ohne die Totalitarismustheorie undenkbar gewesen wäre, konnte sich andererseits eine Margarete Buber-Neumann, die mit ihrem Buch "Als Gefangene bei Stalin und Hitler" eines der klassischen Zeugnisse vorgelegt hat, immer nur am Rande der öffentlichen Diskussion bewegen.