Kühn und groß, wie er begonnen hat, endet, nach zwei Stunden ohne Pause, in der Oper Leipzig der ungewöhnlichste Ballettabend der Spielzeit in Deutschland: Ein Schluß von zwölf Minuten - ganz ohne Tanz.

Die 54 Tänzer, die zu den leise gesprochenen Worten von Paul Celans "Psalm" langsam von der dunklen Bühne verschwunden sind ("Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden / wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die / Niemandsrose"), kommen einzeln, zögernd wieder auf die helle Bühne, manche noch im weißen Tanzkleid, andere schon im privaten Alltagsdreß, Schuhe in der einen, Abschminktuch in der anderen. Sie setzen oder legen sich auf die Bühne, auf der zwölf Arbeiter schon die Gummibahnen des Tanzbodens zusammenrollen.

Kehraus. Katerstimmung. Dazu erklingt, begleitet von heiser wilden, überschnappenden Flöten-Tönen (Thomas Jahn), der Grabspruch des römischen Dichters Catull auf den "Bruder im einsamen Grab: Mit stummem Staub führen ein schweigsam Gespräch. /In deine Ewigkeit folg dir mein leises Lebewohl!"

An der Rampe ein kleiner Hügel weißer Tücher: Er erinnert an den Berg von Ballettschuhen, mit dem der Leipziger Choreograph Uwe Scholz vor zwei Jahren, auch durch Verweigerung von Tanz, seinen Abend mit "Bach-Kreationen" beendet hat (ZEIT Nr. 20/96). Damals war dies auch Protest gegen die Ballett, Oper, Schauspiel und Ballett im Schauspiel drohenden Sparmaßnahmen (fünfzehn Millionen in drei Jahren). Jetzt sieht man ein Golgatha von Schmink- als Leichentüchern - im Sinn des Stücks, der von Christi Tod und Auferstehung kündenden "Missa c-moll" Mozarts, und als Protest gegen nicht nur in Leipzig, wo das Ballett im Schauspiel (Irina Pauls) ausgelöscht ist, jede Kunst abwürgende Sparwut einer nur noch auf Wirtschaftsstandorte blickenden, für Zukunft, also Investitionen blinden Politik.

Erschöpft liegt das ganze Ballett auf kahlen Brettern. Dann erklingt, flehend laut, das "Agnus Dei", das Mozart seiner Fragment gebliebenen Messe gar nicht komponiert hat: Durchaus im Stil der Mozart-Zeit unterlegen Scholz und der das Gewandhausorchester dirigierende Johannes Wildner den Text des rituellen Messe-Schlusses der Musik des mächtigen Eingangschors "Kyrie eleison" ("Herr, erbarme Dich"). Da richten sich die Tänzer auf - und schauen uns an, während der zu beiden Seiten des Orchesters aufgestellte Opernchor singt: "Lamm Gottes ... / Gib uns Deinen Frieden!" Das ist in dieser (in Deutschland auch in allen Künsten) friedlosen Zeit ein großer Augenblick politischer Darstellungskunst.

Am Ende eines Tanzabends wird der Tanz verweigert

Ausgerechnet der als neoklassizistischer Ästhetizist von manchen angefeindete Choreograph Uwe Scholz, der vor sechs Jahren, ohne Not, den ruhigen Posten in Zürich aufgegeben hat, um in Leipzig, gleich nach der Wende, ein Tanz-Ensemble aufzubauen, das den internationalen Vergleich nicht scheuen muß, findet in seinem scheinbar ganz auf Mozart konzentrierten neuen Ballett, "Die Große Messe", Möglichkeiten und einprägsame Bilder, den - überfälligen - Protest der Kunst gegen den Marsch der Gesellscha ft in gedankenlose Unterhaltung zu formulieren.