Dabei geht Scholz mit seinem neuen Werk ein hohes Risiko ein. Er will Mozarts "Unvollendete" nicht glättend abrunden, sondern in der Ruinen-Gestalt ausstellen. Wie John Neumeier beim andern großen Fragment Mozarts, dem "Requiem", macht er die Brüche hörbar - durch die strenge Klarheit gregorianischer Gesänge, nimmt dazu, als Gegengewicht auf der andern Seite, moderne Musik (Arvo Pärt, György Kurtág, Thomas Jahn). Weil der Choreograph die eigene Form jeder Messe, gesungenes und gesprochenes Wort, bewahren will, spielt er Texte ein. Rezitationen, vor allem geraunt, sind bei Tanzabenden mehr als heikel.

So zerfällt - bei einem Fragment gebliebenen Grundwerk "richtig"? - der Abend in zwei Teile: Ein "weißes" Ballett voll heiter strenger Klarheit, dessen geometrisch-symmetrische Anmut und Lebendigkeit in der Stadt des Thomaskantors Johann Sebastian nach jedem Abschnitt beklatscht werden, als ob es sich nicht um liturgische Texte handelte, wird abgelöst von einem "schwarzen", das sich bei Kurtágs Minuten-Musiken ("Schläge-Zank", "Zorniger Choral") zu witzigen Schauspiel-Pantomimen-Etüden verkn appt, sich bei Arvo Pärts "Credo" (1968) zu einem von Filmeinblendungen illuminierten Apokalypsen-Musical steigert, dessen Leichen, wie nach Massenmorden in Algier, nach dem Erdbeben in Afghanistan, auf Transportwagen weggekarrt werden. Düsterer Jedermann in diesen Szenen: Mario Schröder.

Ein kritischer, zwiespältiger Ballettabend von hoher tänzerischer Qualität, für die stellvertretend Roser Muñoz genannt sei.

Ein Tanzabend, endend mit fast fünfzehn Minuten ohne Tanz, eine Viertelstunde lang jubelnd bedankt? Nicht selbstverständlich bei einem Ballett auf den Text christlicher Messe ("Wir loben Dich. Wir preisen Dich"), dem in Leipzig, nicht in blasphemischer Absicht, sondern an die Leiden des Jahrhunderts erinnernd, solche Verse von Paul Celan gegenübergestellt werden: "Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / niemand bespricht unsern Staub. / Niemand. // Gelobt seist du, Niemand ... / Wir schliefen nicht mehr, denn wir lagen im Uhrwerk der Schwermut."