Endre Kukorelly: "Die Gedächtnisküste" aus dem Ungarischen von Andrea Seidler Literaturverlag Droschl, Graz 1997 142 S., 30,- DM. - Endlich kann man Kukorelly auf deutsch lesen. Der 1951 geborene ungarische Lyriker, Prosaist und Essayist war schon lange eine Entdeckung wert, dennoch bedurfte es gezielter Anstrengungen, um seine stillen, mehrdeutig schillernden Texte zu übertragen - für jene Happy-few, die um den Reiz von Alltagsminiaturen und Gedankensplittern, von Zufälligem und Fragmentarischem wissen. Denn Kukorelly interessiert sich nicht für Stoffe, sondern für die Frage, wie über Dinge, Vorgänge zu reden oder allenfalls zu schweigen sei. In diesem Sinne gleicht sein Schreiben einer permanenten Recherche. Doch wirkt das nirgends angestrengt.

"Die Gedächtnisküste" besteht aus hundert kurzen Prosastücken: Traumtexten, Notaten, Erinnerungen Bildbeschreibungen, Reflexionen, Zitaten, ironischen Kommentaren. Ein Ich spricht über absurde Alltagsszenen und Fußball, über Wahrnehmungen, Reminiszenzen - lakonisch, poetisch, beiläufig. Es entstehen punktuelle Intensitäten, Einsichten, Aussichten, mehr ist nicht intendiert, mehr braucht es nicht. Da und dort leuchtet es auf - "spielerische, lange Details, wilde Fehlgriffe". Im "vergrößerten" Detail liegt die belebende Verfremdung, in einer schwebenden, saloppen, präzisen und ausgefransten Sprache, die von Nuancen und Übergängen, von Freiheiten und Unwägbarkeiten lebt. Und die gerade dadurch, daß sie sich auf keine Pointen kapriziert, Erhellendes herstellt.

Kukorelly hat seine eigene Version von "Texten um Nichts" geschrieben, deren mäandernder Diskurs nur auf eines abzuzielen scheint: der Stagnation des Lebens entgegenzuwirken. "Es war gut wegzugehen. Mein Arm schmerzte. Die Mädchen sahen mich an. Noch einige Schritte. Die Tür flog auf. Jetzt bloß noch die Ecke erreichen. Und an der Ecke abbiegen."