Dortmund/Essen

Beschränkte sich Bernd Schmalhausen darauf, lediglich Bücher über den Holocaust zu schreiben - ihm wäre ungeteilte Anerkennung sicher. Aber beim Schreiben beläßt er es nicht. Als der Staatsanwalt Schmalhausen einen Band über das Schicksal jüdischer Juristen aus Essen herausbrachte, lief er zugleich Sturm gegen ein Portrait in der Ahnengalerie des Essener Landgerichts. Da hing nämlich auch ein Photo des Richters, der von 1933 bis 1945 dem Gericht vorsaß. Nach einer erregten Debatte ist das Bild zwar mittlerweile verschwunden, aber Freunde hat sich Schmalhausen damit nicht unbedingt gemacht (ZEIT Nr. 12/95).

Dieser Tage erscheint nun Schmalhausens neues Buch: "Dr. Rolf Bischofswerder - Leben und Sterben eines jüdischen Arztes aus Dortmund" (Peter Pomp Verlag, Essen). Und wieder hat sich der Autor unbeliebt gemacht, diesmal beim Dortmunder Oberbürgermeister. In Hilde Sherman-Zanders Überlebensbericht "Zwischen Tag und Dunkel" über das Ghetto von Riga war Schmalhausen auf den Namen des Arztes gestoßen. Er wollte mehr wissen über diesen Mann, der offenbar bis zur Selbstaufgabe jüdischen Leidensgenossen geholfen hat, ehe er 1944, nach einem mißglückten Fluchtversuch, von der SS erschossen wurde.

Das Schicksal Bischofswerders habe ihn auch interessiert, weil sein eigener Vater ebenfalls Arzt war und im selben Jahr, 1913, geboren wurde. Doch während Bischofswerder in Riga um sein und anderer Juden Überleben kämpfte, gehörte Schmalhausens Vater als Sanitätsarzt einem Flakregiment an, das Leningrad belagerte. "Was hat mein Vater von der Judenvernichtung im Osten mit eigenen Augen gesehen? Was hat er gewußt? Wie dachte er darüber?" Fragen, die der Sohn nicht mehr stellen konnte. Der Vater starb, als Schmalhausen drei Jahre alt war. Wie schon bei seinen früheren Büchern recherchierte der Staatsanwalt wie ein Besessener. "Eine Zeitlang hatte ich gehofft, Bischofswerder und mein Vater wären sich vielleicht einmal begegnet", sagt er. Doch Fehlanzeige. Schmalhausen wertete Akten von NS-Verfahren aus, zog umfangreiche historische Literatur heran und stöberte sogar noch ein paar Zeitzeugen aus dem Rigaer Ghetto auf. "Fast aus dem Nichts heraus" habe er so die Biographie des jüdischen Mediziners rekonstruiert, der ein liebenswerter und tapferer Mensch gewesen sein müßte gebildet und sensibel, aber auch zupackend und sportlich. 1930 war er westfälischhessischer Jugendboxmeister.

Weil er ihn für einen "großen Sohn" der Stadt Dortmund hält, bat Schmalhausen den Oberbürgermeister Günter Samtlebe um ein Vorwort. Außerdem sei sein Buch die erste Biographie über einen von den Nazis ermordeten Juden der Stadt.

Doch Samtlebe las nicht einmal das Manuskript. Erregt berichtet Schmalhausen von einem Telephonat mit dem Referenten des OB, der ihm erklärte, wenn der Oberbürgermeister damit einmal anfange, komme als nächster womöglich der Autor eines Buches über die Westfalenhalle mit dem gleichen Wunsch.

Die Reaktion zeige, zürnt Schmalhausen, welches Engagement tatsächlich "hinter den Sonntagsreden von Provinzpolitikern anläßlich jüdischer Gedenktage" stehe. Und verweist süffisant auf eine Anzeige in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung zum jüdischen Neujahrsfest: "... sendet die Stadt Dortmund herzliche Grüße und Glückwünsche". Unterzeichnet: "Günter Samtlebe, Oberbürgermeister".