Fünf Minuten vor Mitternacht schlägt die Stunde des Vorsitzenden. Kurt Rossmanith ruft den Verteidigungsminister in den Zeugenstand. Doch die Bündnisgrüne Angelika Beer verhindert Volker Rühes Auftritt mit einem Antrag zur Geschäftsordnung. Die Abgeordneten der Koalition protestieren die Geschäftsordnungsdebatte werde im parlamentarischen Untersuchungsausschuß nun einmal nicht öffentlich geführt. Also bittet Rossmanith die achtzig Zuhörer und Pressevertreter, die seit vier Stunden auf Rühes Stellungnahme warten, erst einmal hinaus. Er macht das so, wie er den ganzen Tag über, schon dreizehn Stunden lang, die Zeugenvernehmung geleitet hat: mit brummigem Baß, betont gelassen, rhetorisch ein wenig holprig.

In seinen Ausführungen wechselt Rossmanith zwischen offiziell gebotenem Sie und parteiübergreifendem Du: Das soll jovial sein, wirkt aber ungelenk. Nach siebzehn unauffälligen Jahren im Parlament ist der 53jährige CSU-Politiker unverhofft in den Blick der Öffentlichkeit geraten. Als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses leitet Rossmanith auch den Untersuchungsausschuß, der die rechtsradikalen Vorfälle in der Bundeswehr aufklären soll.

Manch einer erinnerte sich schon im Vorfeld dieser Untersuchung, daß Rossmanith in der Vergangenheit selbst Probleme mit der militärischen Traditionspflege hatte. Das war vor drei Jahren, als der Bundestag über die Umbenennung der damaligen Generaloberst Dietl-Kaserne in Füssen diskutierte.

Stadt und Kaserne liegen im Wahlkreis Rossmaniths. Und dort, im Ostallgäu, hatte man den Generaloberst aus Kriegstagen offensichtlich in guter Erinnerung. Bis 1993, versichert Rossmanith noch heute treuherzig, habe er "kein kritisches Wort über Dietl gehört". Dabei wurde über den Kasernennamen im Füssener Stadtrat schon 1988 kritisch diskutiert.

Und das aus gutem Grund: Eduard Dietl war nicht nur ein tapferer Soldat. Der Generaloberst war auch ein Nationalsozialist der ersten Stunde, ein treuer Gefolgsmann Hitlers, der den "Schicksalskampf des deutschen Volkes" nicht aus Gehorsam, sondern aus Überzeugung führte. Bereits 1992 hatte der Petitionsausschuß des Bundestages festgestellt, daß "nach den geltenden Vorschriften eine Kaserne heute nicht mehr nach Generaloberst Dietl benannt würde".

Rossmanith sträubte sich trotzdem noch drei Jahre später gegen die Umbenennung der Kaserne. In einem Brief an den Verteidigungsminister begründete er sein Engagement für Dietl schriftlich. Der Generaloberst, schrieb er damals, sei für ihn "auch heute noch ein Vorbild in menschlichem und soldatischem Handeln". Dieser Satz verfolgt ihn seither und hat ihn jetzt, da er den Untersuchungsausschuß leitet, wieder eingeholt.

Steht etwa an der Spitze dieses parlamentarischen Gremiums ein Unverbesserlicher, ein Ewiggestriger? In seinem Wahlkreis, heißt es, könne man auch eine schwarze Vogelscheuche aufstellen wenn sie zur CSU gehöre, werde sie gewählt. Rossmanith gewann den Wahlkreis zuletzt mit mehr als sechzig Prozent der Stimmen. Was die Sache mit Dietl angeht, ist er sich sicher: Die meisten in Füssen hätten damals gedacht wie er.