Diese Musik macht süchtig. Und das ist beileibe keine marktschreierische Lobhudelei. Ohne Händel würden wir bald auf den Freitreppen unserer Musentempel vergehen vor Sehnen und Entbehren. Zum Beispiel nach der schönen Schottin Ginevra, die uns so somnambule Wörter und Töne in den Mund legt: "Ove son? Vivo? O deliro?" - "Wo bin ich? Lebe ich? Oder bin ich von Sinnen?"

Wie auf Lanzen aufgespießt, ragen ihre Fragen hervor aus dem Handlungsgestrüpp der Oper "Ariodante". Was der Dichter Ariost als rührende Episode erdachte, obduzieren Händel und sein fabulöser Librettist Antonio Salvi messerscharf - auf Welthaltigkeit und versteckte Ironie, auf die Lauterkeit und die Verderbnis der Herzen. Jedes noch so flüchtige Arioso ist ein Karfunkelstein für sich, jedes spintisierende Accompagnato ein wuchernder Mikrokosmos dramatischer Möglichkeiten. Und das Grelle, Schräge und Aggregative der Figuren gaukeln Trost vor: Als sei die wirkliche Welt viel ungebrochener. Am Ende jedenfalls steht ein unversehrter Titelheld, dem die schönste Arie des Stücks gebührt, "Scherza infida", ein herber Gespenstergruß in g-moll. Anne Sophie von Otter, über die die Neueinspielung dieser Händel-Oper (Archiv Produktion 457 271) hauptsächlich vermarktet wird, singt sie mit fahlem Timbre und gebrochenen Piani. Was ist Liebe, was ist Macht, raunt der Subtext - nie war Händel unbestechlicher als in jenem schwer krisengeschüttelten Jahr 1735.

Um die aktuelle Händel-Pflege steht es nicht schlecht: Ivor Bolton feiert an der Bayerischen Staatsoper Erfolge, Nicholas McKegan mit dem Freiburger Barockorchester. Und in Frankreich regiert Marc Minkowski, der Tanzbär unter den jungen Dirigenten und ein gewissenhafter Archäologe des Repertoires dazu.

Wohl Enkel von Harnoncourt und Gardiner, aber wahrlich kein Pfründeverwalter - dafür selbst ein Fagottist. Vielleicht ist dies der Grund, daß "Ariodante" - Minkowskis erste Händel-Oper mit den Musiciens du Louvre auf CD - weniger artifiziell anmutet als der frühe Gardiner mit den English Baroque Soloists, lockerer auch, entspannter, trotz aller rhetorischen Akribie. Die größte Entdeckung dieses "Ariodante" ist die polnische Mezzosopranistin Ewa Podles als Intrigant Polinesso: Ein einziger "Ginevra!"-Ruf aus ihrer androgynen Kehle, und es wird klar, auf wes Messers Schneide Händels Eros balanciert.

Erschrocken lassen selbst die beiden Tugendschafe Ginevra und Ariodante ihre musikalischen Hüllen fallen. Was bleibt, ist ein schier perfektes Trompel'oeil unserer geheimsten, verbotensten Lüste und Süchte.