Große Aufregung herrschte im Zeichensaal der Akademie der Schönen Künste zu Rom. Die Polizei war erschienen. Gerufen von vier erbosten Damen, die den Kunststudenten als Aktmodelle dienten. Sie waren an diesem Morgen bei Dienstantritt aus allen Wolken gefallen: Auf den Podesten, auf denen sie sonst den zeichnenden Schülern ihren Akt feilboten, hatten sich zwei junge Mädchen in Positur gestellt, nackt und konkurrenzlos schön.

Die vier schon recht betagten Berufsmodelle sahen ihren Arbeitsplatz besetzt und riefen zornig nach den Carabinieri. Herbeigeeilte Professoren und Dozenten bauten sich schützend vor den jungen Unverhüllten auf und bekannten, den Austausch veranlaßt zu haben. Bei allem Respekt vor den altgedienten Modellen - tatsächlich war keines von ihnen jünger als sechzig -: Es müsse in diesem Saal endlich wieder ein frischer, schwungvoller Strich an knackigen Rundungen geübt werden. Schluß mit Stilleben und Natura morta, was nur auf den Lehrplan gesetzt wurde, um den vier Grazien dezent zu verstehen zu geben, daß man sie nicht mehr brauche. Die Ausgedienten blickten nun drein wie Giorgiones "La Vecchia". Vorbei ihre Zeit als ruhende Venus. Aus der Traum von ewiger Jugend und unvergänglicher Schönheit. Über ein Vierteljahrhundert hatten sie Modell gestanden, nackt und immer fröstelnd in dem ungeheizten Saal. Und mit dem kargen Lohn waren die Direktoren meist noch um Monate im Verzug gewesen.

Doch ganz kampflos wollen die ausgemusterten Modelle die Akademie nicht räumen. Da gibt es gewerkschaftliche Absicherungen und einen ministeriellen Erlaß aus dem Jahre 1979, der sie so gut wie unkündbar macht und den Professoren kaum Spielraum läßt, auch wenn diese beteuern, die beiden jungen Modelle hätten sich gratis zur Verfügung gestellt.

In der 62jährigen Laila, einer ehemaligen Schauspielerin, haben die vier Oldies eine leidenschaftliche Sprecherin, die sich zudem in Kunstgeschichte auskennt. Gewiß, sie sei keine Paolina Bonaparte mehr, doch gehöre sie noch längst nicht zum alten Eisen. Wenn sie inzwischen auch barocke Üppigkeit angesetzt habe und das Problem mit der Zellulitis unübersehbar sei, im Kunststil der Neuen Sachlichkeit würde sie immer noch mit Bravour ihren Akt stehen. Ohne ihren Typus wären zum Beispiel Meisterwerke von Hieronymus Bosch oder Otto Dix niemals entstanden. Und möchten sich die Herren Kunstprofessoren doch einmal genau Michelangelos "Vertreibung aus dem Paradies" anschauen: Wie in die Rente geschickt, macht sich eine griesgrämige alte Eva auf dem Fresko auf und davon.

Arbeitsrechtlich, so versuchte die Direktion inzwischen einzulenken, bestünde die Möglichkeit, die Aktmodelle an der Kunstakademie weiterzubeschäftigen, als Pedell zum Beispiel. "Ich will aber nicht Treppen wischen. Ich bin eine Muse!" empört sich Laila über solch kunstfernes Ansinnen. Bis der Streit ausgestanden ist, wird in den Zeichensälen der römischen Akademie erst einmal wieder Natura morta geübt. Ausgestopfte Tiere und tote Fische. Die nackten Mädchen, die Nachwuchsmodelle, haben Hausverbot.