Wie wurde Köln beneidet, als 1993 die Nachricht durch die Zeitungen ging: Kathinka Dittrich wird Kulturdezernentin! Die Stadt, die sich zu Recht etwas zugute hält auf die Präsenz einer Kunst- und Kulturgeschichte, die von den Römern über Pater Mennekes bis zu Peter Ludwig und Alfred Biolek reicht, hatte sich mit dieser Wahl in eine neue, gewißermaßen postkölsche Umlaufbahn begeben. Die Nachricht, daß die Kulturdezernentin jetzt, gut vier Jahre nach ihrem Umzug von Moskau nach Köln, ihr Amt niederlegt, ist, wie sagt man doch heute, dramatisch, nicht nur für Köln. Denn Kathinka Dittrich, die bisher noch aus jedem ihrer komplizierten Ämter einen Erfolg gemacht hat, hat nicht das altbekannte Handtuch geschmissen, das verschwitzte Männer gern bemühen, wenn es nicht mehr weitergeht mit der parteilichen Politik oder der amtlichen Potenz.

Kathinka Dittrich ist bei bester Verfassung, sie hatte genau die Kraft und Moral, die nötig sind, um eine Entscheidung zu treffen, die nichts mit einer persönlichen Stimmung zu tun hat, sondern mit der für sie selbstverständlichen Verantwortung für das Amt, das sie übernommen hatte. Mit genauen Zahlen belegte sie in ihrer Rücktrittserklärung vor den Kölner Ratsparteien ihre Versuche, mit Phantasie und Flexibilität aus einer insgesamt desaströsen Finanzlage das Beste zu machen. Sie selber ist, um nichts unversucht zu lassen, mit den Herren der jetzt staatlich so begehrten Abmagerungsfirma McKinsey zu guter Letzt noch durch die Kölner Museen gegangen, um feststellen zu lassen, was sie schon wußte: daß man ein Skelett nicht mehr auf Diät setzen kann.

Ihr Resümee: "Das Rationalisierungspotential ist in allen Kulturbereichen absolut ausgeschöpft." Und das ist der Satz, der leider auch jenseits von Köln gilt. Und den Kathinka Dittrich nicht spontan, sondern nach langer Überlegung ausgesprochen hat. Seit 1967 hatte sie, 1941 aus Kriegsgründen nicht in Berlin, sondern in Mittenwald geboren, für das Goethe-Institut gearbeitet. Nach Barcelona und New York war Amsterdam die Station gewesen, wo sie mit ihrer Arbeit Aufsehen erregte. In sieben Jahren, von 1979 bis 1986, hatte "die couragierte kleine Berlinerin" mit ihrem Programm bei den aus unguten Erinnerungsgründen wahrlich nicht eben deutschfreundlichen Holländern ein solches Ansehen gewonnen, daß, als sie an die Münchner Zentrale zurückberufen wurde, der Amsterdamer Bürgermeister einen Abschiedsempfang für sie gab, das "Holland Festival" und das Niederländische Theaterinstitut ein Fest für sie ausrichteten und die Zeitung de Volkskrant eine zwölfseitige Broschüre über ihre Tätigkeit herausgab. 1990 flog sie mit ihrem Mann, dem holländischen Soziologen, Kriminologen und Schriftsteller Koos van Weringh, und zwei Koffern nach Moskau, um dort, ohne Haus und ohne Schreibmaschine, ein Goethe-Institut aufzubauen, freundlich ignoriert vom Auswärtigen Amt. Als sie, um den Ruf nach Köln anzunehmen, Moskau verließ, war dieses Haus zum größten aller Goethe-Institute geworden.

"Ich bin für die Kultur da, nicht für die Stadt oder die Politik", sagt Kathinka Dittrich, für die es selbstverständlich war, in jedem Land die Sprache zu lernen, und die zwischen den Ämtern auch noch promovierte. In einer Zeit, in der Kunst und Kultur für alles das aufkommen sollen, was Staat, Kirche und Familie nicht mehr glaubhaft zu offerieren vermögen, aber das bitte zu Billigpreisen, ist dieser Satz eine Kampfansage an die Doppelmoralisten, die, wie man im Englischen sagt, ihren Kuchen behalten und ihn aufessen wollen. Schade für Köln, das Kathinka Dittrich verloren hat. Gut für das Land, das sie überall gebrauchen kann. Von Berlin bis nach München und über die Expo wieder zurück. Petra Kipphoff

Regina Wyrwoll: Wenn man für acht Jahre zur Kulturdezernentin in Köln gewählt wurde und dann nach vier Jahren das Amt verläßt, dann muß es Gründe dafür geben. Was hat Sie zu diesem spektakulären Schritt bewogen?

Kathinka Dittrich: Es gibt eine ganze Menge von Gründen, denn eigentlich handelt es sich um einen Prozeß, der mich langsam zu dieser Entscheidung gebracht hat. Ich bin nach Köln gekommen, weil ich Köln neben Berlin als lebendigste und wichtigste Kunst- und Kulturstadt betrachte: da ist eine Vielfalt von Künstlern, Sammlern, Galeristen, Museen, der Art Cologne, da ist eine sehr dichte, überaus lebendige Theater- und Musikszene, gerade auch im freien Kunstbereich. Das Klima ist weltoffen und tolerant. Ich fand es äußerst reizvoll, dafür etwas zu tun, wußte damals allerdings noch nicht, wie schwierig die Finanzlage war, und konnte natürlich ebensowenig wissen, wieviel härter sie noch werden würde. Ich war jedoch bis vor kurzem davon überzeugt, daß man auch in finanziell schwierigen Zeiten etwas machen, sogar etwas Neues anschieben kann, daß man die öffentlichen und privaten Akteure der Szene zum Beispiel besser vernetzen kann.

Wyrwoll: Köln ist, Sie sagen es, eigentlich stark. Was hat sich verändert?