Psychopathen, Mörder, Kinderschänder - Das hat uns gerade noch gefehlt". Mit diesem drastischen Slogan machten sich im vergangenen Jahr die Bürger im westfälischen Herten Luft. Als bekannt wurde, daß die nordrhein-westfälische Regierung in Herten den Bau einer neuen Klinik für seelisch kranke Straftäter plante, kochte die Volksseele. "Die Straftäter haben Ausgang - wir dann nicht mehr" stand auf den Bannern, die Kinder bei Demonstrationen durch die Stadt trugen. In Leserbriefen wurden statt dessen einfache Lösungen gefordert: "Pimmel ab. Vor den Augen aller. Auf dem Marktplatz." Und die rechtsradikale NPD favorisierte die Todesstrafe für Sexualmörder.

Der Aufruhr hatte Erfolg: Der zuständige Sozialminister Axel Horstmann strich den Standort Herten aus der Planung. Seither kursieren in Westfalen die Gerüchte über mögliche andere Standorte. Keimt ein Verdacht, wie in Marl oder Haldem, bilden sich sofort Bürgerinitiativen, die den Bau einer Klinik verhindern wollen und dabei auch auf Unterstützung der Stadtoberen rechnen können.

In Eickelborn dagegen hat man sich an die Nachbarschaft der Totschläger und Brandstifter, der Vergewaltiger, Kinderschänder und Exhibitionisten längst gewöhnt. Das 2250-Seelen-Dorf wird von der bundesweit größten forensisch-psychiatrischen Klinik dominiert. In der Anstalt sind 350 Patienten untergebracht. Etwa ebenso viele Eickelborner arbeiten in dem teilweise eingezäunten Komplex, der mitten in dem westfälischen Straßendorf liegt.

"Unsere Patienten sind keine Bestien", sagen hier die Pfleger und Therapeuten. Der Eickelborner Psychologe Ulrich Kobbé formuliert stellvertretend für viele: "Wir leiden sehr unter der pauschalisierenden öffentlichen Debatte." Die Forensik werde mit Sexualstraftätern und diese würden mit mordlustigen Triebmonstern gleichgesetzt. "Beides ist falsch", sagt Kobbé. In Eickelborn kennen die Bürger die psychisch Kranken auch als Mitarbeiter. Viele Klinikinsassen arbeiteten in der Vergangenheit zur Aushilfe bei der Ernte oder in Eickelborner Betrieben.

Seit dem Herbst 1994 geht allerdings auch in Eickelborn die Angst um. Damals mißbrauchte ein Freigänger aus der Anstalt ein sieben Jahre altes Mädchen aus dem Dorf und tötete es. Die Affäre Dutroux in Belgien und die Mädchenmorde an Kim Kerkow aus dem niedersächsischen Varel und Nathalie Astner aus dem bayerischen Epfach haben den Druck noch weiter erhöht und den Zorn auf die Täter angestachelt. Zwar sind die Reaktionen in Eickelborn nach wie vor moderat: So plädieren etwa die Eltern des ermordeten Mädchens für einen "vernünftigen Umgang" mit den Tätern. Sie und eine ortsansässige Bürgerinitiative fordern aber, "im Zweifel für die Sicherheit" zu entscheiden.

Seit dem Mord wird auch in Eickelborn über Rückfallquoten, Therapien und Sicherheitsmaßnahmen gestritten. Viele Dörfler wollen mindestens hundert Patienten in andere Anstalten verlegt wissen. Als erste Reaktion wurden zunächst die Sicherheitsvorkehrungen verschärft: Patienten dürfen, wenn überhaupt, nur noch in Begleitung eines Pflegers ins Dorf. Eine vom Land Nordrhein-Westfalen einberufene europäische Kommission empfahl die "Entzerrung" der Eickelborner Klinik und den Bau von drei neuen, kleineren Kliniken in Westfalen. Gelöst wäre das Problem des Umgangs mit seelisch kranken Gewalttätern damit freilich nicht.

Rund 2500 Menschen leben in Deutschland im sogenannten Maßregelvollzug. Ihnen wurde die härteste Strafe verordnet, die das deutsche Gesetz kennt, die "unbefristete Unterbringung". Aufgrund einer Seelenstörung gelten die Gewalttäter, Kinderschänder oder Totschläger als nicht oder nur vermindert schuldfähig. Deshalb müssen sie nicht ins Gefängnis, sondern hinter Klinikmauern. Bundesweit sechzig forensisch-psychiatrische Kliniken sollen zum einen dafür sorgen, daß die Öffentlichkeit vor den Tätern sicher ist. Zum anderen sollen sie dort als kranke Menschen behandelt werden. Macht der Patient keine Fortschritte, muß er bleiben. Wenn die Ärzte ihre Therapie aber für erfolgreich halten, hat der Patient das Recht, daß die Bedingungen seiner Unterbringung gelockert werden - mit dem Ziel der Entlassung.