Sitzen vier Männer in der Kneipe, rauchen, trinken und prahlen. Wie alle Männer prahlen sie mit nicht vollbrachten Taten; und weil es sich um Männer aus dem Filmgeschäft handelt, prahlen sie mit nicht gedrehten Filmen. Kennt ihr den? Ein guter Filmanfang handelt von Männern, sagt der eine. Sie übersehen immer die Frauen, ergänzt der andere. Ich weiß noch einen, beginnt der dritte und skizziert eine Story, in der vier Männer auf einer Terrasse in Miami herumhängen, rauchen, trinken und prahlen. Am Nebentisch sitzt eine schöne junge Frau. Keiner beachtet sie.

Eine Szene aus dem Café im Cinecenter, dem Messezentrum der Berlinale. Und ein Kurzfilm von Pepe Danquart. "Playboys" ist zwölf Minuten lang und endet mit einem bombastischen Vorspann: "Playboys" - großes Orchester - "mit Jack Nicholson" - noch größeres Orchester - "Robert de Niro" - Tusch - "Al Pacino". Und so träumen sie in den Hinterzimmern weiter von Hollywood, von den Stars, vom richtigen Geld und vom großen Kino.

Berlinale-Chef Moritz de Hadeln hält den Traum bereits für Wirklichkeit. Hollywood, sagt er, sei heutzutage eine internationale Fabrik, deren Regisseure aus der ganzen Welt kämen. So lügt er sich über die Tatsache hinweg, daß Berlin längst nur noch Dienstleistung für die Majors betreibt, die das Festival alle Jahre wieder als PR-Show für ihre Frühjahrs-Blockbuster mißbrauchen. Mehr als ein Drittel der diesjährigen Wettbewerbsfilme kommen in den nächsten Wochen ins Kino. Im Berlinale-Katalog mokiert sich der Chef außerdem über die dummen Journalisten-Fragen nach den fehlenden afrikanischen Beiträgen: "Afrika ist herzlich willkommen. Aber wo sind seine Filme?" Wir empfehlen Moritz de Hadeln einen Abstecher ins Haus der Kulturen der Welt. Dort wurde am Wochenende das Afrika-Filmfest eröffnet: 25 Produktionen stehen auf dem Programm.

Das Kino, eine Kuschelecke, der Kindergarten der Nation

Auch die Filmemacher haben ihre Hollywood-Lektion gelernt. Egal, ob sie aus Europa stammen oder aus der amerikanischen Independent-Szene, aus Südamerika oder Asien: sie beherrschen die Regeln, machen Männchen und geben dem Affen Zucker. Ob Tod oder Liebe, Gewalt oder Leidenschaft: die Regisseure von heute verniedlichen jegliches Drama zur Seifenoper, spendieren Gefühle wie klebriges Konfekt und bändigen die subversive Kraft des Lachens zum unverfänglichen Gekicher.

Das Kino: eine Kuschelecke, der Kindergarten der Nation. Kein Zufall, daß die Stars immer jünger werden. "Sie ist neunzehn, er ist fünf. The ultimate lovestory", schreit es von den Plakaten vor dem Zoo-Palast. Jeroen Krabbes "Left Luggage" bedient sein Publikum mit einer jüdischen Schnulze. Chaja, eine linksradikale Studentin (Laura Fraser als Julia-Roberts-Imitat), arbeitet als Hausmädchen bei einer orthodoxen Familie, wirft ihren Freund, den Revoluzzer, aus der Bude, verliebt sich in ihren fünfjährigen Schützling mit Schläfenlocken und großen Kinderaugen und versöhnt über dem Grab des tragisch verunglückten Knaben Tradition und Moderne.

In "Girl's Night" von Nick Hurran erfährt eine britische Arbeiterin (Brenda Blethyn), daß sie einen Tumor im Kopf hat. Dann gewinnt sie im Lotto. Das ist praktisch: Sie braucht nicht mehr Fabrikschicht zu schieben, kann mit ihrer Freundin nach Las Vegas reisen, und wir amüsieren uns zu Tode, mit einer Träne im Knopfloch. Versöhnung am Sterbebett, die zweite.