Konstanze Lauterbach, Regisseurin:

Brecht ist für mich ein wunderbarer Geschichtenerzähler, zuallererst ein politisch denkender Künstler gewesen, der die intellektuelle Fähigkeit besaß, der kapitalistischen und der sozialistischen Nachkriegsgesellschaft geistig Paroli zu bieten, es sich unbequem zu richten. Das bedeutet auch heute eine Lebenshaltung, die nicht verlorengehen sollte. In seiner Lebenshaltung war B. unermüdlich, schließlich müde. Kein Wunder bei dem Lebenslauf. Ich glaube, seinen Frieden hat er mit keiner Gesellschaft gemacht (siehe der Grundton der "Buckower Elegien").

Der Stückeschreiber B. bedarf genauso einer neuen Theaterinterpretation wie jeder Theaterklassiker. Ihn nur zu rekonstruieren oder kopieren, was er bekannterweise gern hatte, tötet ihn als Autor. In seiner COURAGE lassen sich geniale theatralische Situationen entdecken, während der Proben spürt man, es ist ein Stück Welttheater. Dann schlagen einem ins Gesicht: diese didaktischen Brocken, diese gesellschaftliche Überdeutlichkeit, da muß man heute, meine ich, vom szenischen - spielerischen - ästhetischen Angebot her anders reagieren, Didaktik spielerisch übersetzen, ohne plump zu aktualisieren und Brechts List zu verletzen. Zu den Themen läßt sich reichhaltig assoziieren. Die Arbeit heißt: Entstauben, ohne kaputtzuschlagen. Das meint konkret: die Figuren und Situationen auf ein menschliches Verhaltensmaß zurückzuführen, weg vom dicken Demonstrationscharakter, hin zu mehr Spontaneität und Lockerheit, Lustgewinn beim Kriegsgewinn. Man sollte nicht nur Brecht spielen, sondern mehr mit Brecht spielen.

Beim BAAL in Leipzig konnte man den poetisch wild gewachsenen Text als Material für eine Verlust- und Sehnsuchtsgeschichte nehmen: "Eine neurotisch sanfte Gesellschaft" drängt zu Baal, um verlorengegangenes Leben neu zu lernen. Und: Brecht bestand da im rauschhaft-ekstatischen Feldzug einer Bühnenwelt aus rotem Samt in Hülle und Fülle; er sah gar nicht alt aus, auch nicht überholt. Beim UI-Versuch bissen wir mächtig auf Granit. Der Text entzog sich unserer Sicht, zu zeigen, wie sich heute Faschismus in die Gesellschaft einschleicht. Da sind wir mit dem Stück einfach nicht vorwärtsgekommen.

In meiner Arbeit mit Schauspielern greife ich oft in die professionelle Brechtsche Trickkiste der Schauspielmethodik, seine Spielweise, Texte mit Haltungen zu versehen, zu zitieren, klug zu spielen, Texte nicht zu illustrieren, nicht doppelt zu moppeln.

Schlag nach bei B., du findest noch verbindende Ideen und sinnreiche Weltbilder, die die Texte transportieren, und du spürst das Defizit unserer Zeit, nicht das der damaligen. Dann wieder große Entfernung zu ihm, wo ich regelrecht stöhne beim Wiederlesen. Da steht dann Heiner Müller einfach so in der Landschaft herum, der für meine Generation der Gottvater war. Also von Brecht hinentwickelt zu Heiner Müller, um rückwärts auf dem Theater wieder bei Brecht zu landen. Eins spüre ich, Brecht kann nur bewegen, wenn man auch bewegt werden will. Und dies geschieht vielleicht erst wieder kurz vorm Absturz einer Gesellschaft in den Abgrund. Paradoxerweise: Vielleicht ist dies die beste Zeit und der beste Platz für seine Stücke, wo einfache Wahrheiten einfach gehört werden.