Die geschlossenen Portale des Justizpalastes sind so wuchtig, als könnten sie jeden Ansturm erdrücken. Vor der grauen Kulisse des riesigen Baus endet der Demonstrationszug der 30 000 Belgier, die sich am Sonntag in Brüssel versammelten. Die Eltern entführter und ermordeter Kinder hatten zum Protest gegen "das Gesetz des Schweigens" aufgerufen. Erstmals seit dem "weißen Marsch" vom Herbst 1996, als die Belgier die Opfer des Kinderschänders Marc Dutroux betrauerten und ihre unfähige Justiz anklagten, wandelt sich resigniertes Schweigen in lauten Protest. "Wir haben den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung mitgemacht", sagt ein zorniger Rentner, "doch was wir jetzt erleben, ist schlimmer. Man sagt uns, wir leben in einer Demokratie. Aber unsere Rechte werden mit Füßen getreten. Gute Richter werden ausgeschaltet, Anwälte von Mordopfern kriegen Sprechverbot. Man will uns mit aller Macht zum Schweigen bringen."

Noch vor wenigen Wochen wäre kaum jemand in Belgien auf die Idee gekommen zu demonstrieren. Erst eine Zeugin, die von der Polizei den Decknamen X1 bekam, dann aber Mitte Januar im Fernsehen auftrat, hat die Menschen in ihrer Skepsis gegen den belgischen Staat vereint.

Die Zeugin schildert Einzelheiten der Morde, nennt die Namen der Opfer

Wenn die 28jährige Regina Louf ihre Geschichte erzählt, funkeln die wachen Augen. Die junge Frau berichtet von ihrem früheren Leben als "Kinderhure", von brutalen "Sexparties", Kinderschänderbanden, Folter und Mord. Sie erzählt langsam, sicher und immer der Reihe nach. Wie eine Lehrerin, die ihren Schülern einen schwierigen Stoff vermitteln muß. Regina Louf beschreibt eine pädophile Clique, die seit den achtziger Jahren über sechzig Mädchen auf "Sexparties" mißhandelt habe. Einige Mädchen - sie habe es selbst gesehen seien später ermordet worden, damit sie nichts erzählen konnten. Regina Louf nennt die Namen einiger Opfer, Christine Van Hees, Katrien de Cuyper, Carine Dellaert.

Sie wurden tatsächlich ermordet, soviel weiß die Polizei inzwischen. Regina Louf schildert Einzelheiten der Morde, Folterinstrumente aus Metall und Fesseln aus Stromkabeln. Einige Beschreibungen werden später von den Ermittlungen bestätigt.

Der arbeitslose Marc Dutroux, der seit August 1996 im Gefängnis sitzt, nachdem in seinem Haus und bei einem Komplizen die Leichen von vier Mädchen gefunden wurden, sei nur "ein kleiner Hansel" gewesen, behauptet Regina Louf, eine Randfigur in einem großen "Netzwerk", von Pädophilen und sadistischen Mördern. Abgeschirmt von Polizisten und verflochten mit kriminellen Politikern.

Dieser Verdacht trieb schon im Herbst 1996 Tausende Menschen auf die Straße. Justiz- und Polizeibeamte hatten bei der Suche nach den entführten Kindern so viele Spuren übersehen, daß niemand mehr an Pannen glauben wollte. Aber auf die Frage, ob Verbrecher sich des Rechtsstaates bemächtigten, hat die Bevölkerung bis heute keine erschöpfende Antwort bekommen.