Das Internet wimmelt von Angeboten für den Online-Zocker. Unter Mißachtung der mathematischen Gesetze tragen Spieler ihr virtuelles Geld in Spielhöllen wie FunScape, Gambling Zone, BlackJack.com, GameSpace, Play4Prizes - die Namen der meist in den USA angesiedelten Netz-Kasinos sind so schillernd wie das Angebot. Viele dieser virtuellen Spielhallen gelten jedoch als nicht sonderlich seriös. Man spielt hier mit erhöhtem Risiko, weil oft nicht so ganz klar ist, wie man an sein gewonnenes Geld kommt, falls man denn gewinnt. Kontrollmöglichkeiten gibt es kaum. Dennoch boomt der Markt von Poker bis Baccarat, von Pferdewetten bis Roulette.

Deutschland ist an dieser Spiel-Welle bislang nicht beteiligt: Glücksspiel verboten. Dieses Verbot gilt auch für das Internet. Also spielen deutsche Bürger dort, wo es erlaubt ist - irgendwo im weltweiten digitalen Las Vegas. Doch auch diese Freude wird getrübt. Gerade ist per Bundestagsdrucksache das Verbot der Werbung für Online-Kasinos verkündet worden. Die deutschen Surfer sollen so vor der Verlockung zum Zocken geschützt werden - wohl eine Maßnahme von ähnlich durchschlagender Wirkung wie das Tabak-Werbeverbot. Wer unbedingt spielen will, wird im weltweiten Netz wohl die mehr oder weniger seriösen Angebote auf eigene Faust finden.

Eine Ausnahme gibt es beim strikten deutschen Glücksspielverbot: Staatlich konzessionierte Spielbanken, Wettbüros und Automaten-Spielhallen dürfen das Spiel mit dem Zufall betreiben. Und einige von ihnen wollen ihre Monopolstellung jetzt auch im deutschen Winkel des Cyberspace nutzen. So kann man schon seit einigen Wochen seine Lottoscheine online ausfüllen. Die Internet-Lotto-Sites stellen sich bei näherem Hinsehen allerdings als eine eher konventionelle Dienstleistung heraus: Die Lottospieler führen bei den Anbietern ein Konto. Hier werden Gebühren abgebucht und Gewinne gutgeschrieben. Die Tipper füllen ihre Scheine für Lotto am Mittwoch oder Lotto am Samstag auf dem Bildschirm aus, und die Betreiber der Sites geben diese dann garantiert rechtzeitig bei einer ganz normalen Annahmestelle ab. Diese freundliche Dienstleistung kostet 2,40 Mark pro Lottoschein.

Weitaus aufwendiger stellt sich das digitale Glücksspiel dar, das in wenigen Wochen unter dem Namen Casino Online anlaufen soll - zunächst nur mit digitalem Roulette, später auch mit Black Jack und Baccarat, wie der Geschäftsführer Kai Kähler plant. Der Trick bei dieser Online-Spielbank besteht darin, daß die in einem echten Kasino laufenden Spiele zeitgleich auf den Monitor des Heim-Zockers übertragen werden. Das Internet-Spiel ist, juristisch gesehen, der verlängerte Arm der konzessionierten Spielbank. Der Spieler vor dem PC nimmt am realen Glücksspiel teil, spart sich nur den Weg und, falls er männlich ist, den obligatorischen Schlips. Einsam vor der Bildröhre kann er nun seinem Spieltrieb frönen.

An diesem Punkt setzen natürlich auch die Bedenken an. Das Glücksspiel unterliegt bei uns nicht ohne Grund strengen Beschränkungen. Spätestens seit Dostojewskijs "Spieler" ist bekannt, daß die Zockerei zur Sucht werden und die Existenz anfälliger Spieler ruinieren kann. Im realen Kasino ist man unter Menschen, es gibt eine gewisse soziale Kontrolle, nicht zuletzt durch die Aufsicht der Spielbank. Auch kann der Spieler selbst dem zügellosen Spielrausch dadurch vorbeugen, daß er nur einen limitierten Geldbetrag mitnimmt und unweigerlich Schluß machen muß, wenn der zur Neige gegangen ist. Für den Spieler zu Hause entfallen diese Kontrollinstanzen. Es gibt niemanden, der ihm Einhalt gebietet.

In den USA ist dieses Problem bereits erkannt worden. Was wird aus den Opfern, und, wichtiger noch, wie vermeidet man, daß noch weitere Menschen sich vor dem Monitor ruinieren? So bietet etwa das Online-Kasino "Rolling Good Times Online" neben Tips für garantiert seriöse Online-Spielhallen auch fachliche Beratung in Form von E-Mail, Newsgroup und Chat. Der Spieler zu Hause ist damit nicht mehr ganz so einsam. Natürlich ist das ein bißchen so, als würden die Anonymen Alkoholiker ihre Zusammenkünfte in der Kneipe abhalten.

Die Software fürs Online-Zocken wird selbstverständlich verschenkt - man will den Einstieg ja so einfach wie möglich machen. Die Anmeldeprozedur ist allerdings ein wenig umständlich, zumindest in Deutschland: Man muß dem Kasino ein Fax schicken, auf dem beide Seiten des Personalausweises abgebildet sind. Daraufhin erhält man einen Spielernamen und ein Paßwort. Jetzt muß man noch ein Konto bei der Spielbank eröffnen und echtes Geld einzahlen, dann liegt das gesamte Guthaben in Form digitaler Jetons sauber aufgestapelt auf dem Monitor-Spieltisch, und es kann losgehen. Die Software ist ergonomisch und didaktisch gut durchdacht, so daß auch Roulette-Neulinge die teilweise recht komplexen Regeln schnell verstehen können. Die Spielbanken, die mit ihrem verstaubtelitären Gepränge in Deutschland beim Normalbürger immer noch Schwellenangst erzeugen, fischen so in der Netzwelt nach neuen Zielgruppen - mit einem System, das immerhin staatlich kontrollierte Zuverlässigkeit zu bieten hat und etwa 97 Prozent der Einsätze wieder als Gewinn ausspuckt.