Technisch betrachtet käme das Auto längst ohne Kühlergrill aus, doch für die Gesichtsmetapher ist dieser unerläßlich. Schon die frühen Versuche von VW, beim Variant den Mund wegzulassen, haben nur zu einem "maulwurfartig gesichtlosen Nasenbären geführt", sagt David Staretz, Chefredakteur der Zeitschrift Auto-Revue und als solcher ein professioneller Physiognom des Frontdesigns:

"Nicht nur schaut jedes Auto anders aus, es schaut auch anders drein", sagt Staretz. "Der neue Alfa 156 etwa macht so ein No-nonsense-Gesicht, blickt seriös und ernsthaft vorwärts und weckt mit seinem Herzmund und Schnurrbart Erinnerungen an die Ära der Unschuld, an die Zeit vor dem Umweltgedanken. Die BMW 3er-Limousine mit ihrer starken Nase schaut richtig wach drein, als hätte das Auto alles unter Kontrolle, während der Fiat Polio mit seinem pinscherartigen Flachgesicht eher fadisiert wirkt. Derzeit ist der Trend zu beobachten, daß immer mehr Autos lächeln. Der Twingo lächelt verschmitzt, der Espace lächelt gequält, der Smart wie ein Totenkopf."

Wenn Mundwinkel schräg aufwärts wandern, deutet dies auf ein Lächeln hin. Das gilt für Autos wie für Menschen. Doch was bedeutet ein Lächeln? Die Soziologie interpretiert es als Beschwichtigungsgebärde. Die globale Epidemie des von Amerika ausgehenden Lächelns scheint ein unvermeidbares Symptom der Modernisierung zu sein. Die steigende Komplexität der Kommunikation bedarf eines besonderen Mittels zur Reduktion, und was könnte mehr Vereinfachung versprechen als ein einfaches Lächeln?

Das ins Positive gewendete Zähnefletschen erlaubt es, den in Konkurrenzsystemen gestiegenen Aggressionspegel im Rahmen eines Rituals zu senken - unterschwellig genug, um die Lächlergemeinschaft nicht zu gefährden. Doch auch die Freude über eine nette Begegnung wird vom Lächeln auf ein mittleres Niveau zurückgeführt. Am Mittelpunkt zwischen Ernst und echter Freude friert das Lächeln positive wie negative Affekte gleichermaßen ein.

Die Normform des Mundes entkräftet die Ambivalenzen, die im Gespräch mit Unbekannten häufig auftauchen. Und weil moderne Gesellschaften ihren Mitgliedern häufige Fremdkontakte zumuten, dient Dauerlächeln der Konfliktdämpfung. Auch das Auto begegnet immer mehr Artgenossen auf der Straße, was einen symbolischen Stoßdämpfer in Form einer grinsenden Maske sinnvoll erscheinen läßt. Müßte der Fahrer ständig lächeln, würden ihm bald die Backen schwer. Ebenso strapaziös wäre es, permanent bös dreinzuschaun. Das Autogesicht entlastet den Leib von kommunikativen Bürden.

Während das Menschenantlitz niemals vollständig zu kontrollieren ist, garantiert die Autolarve eine stabile Form. Die frontale Knautschzone kriegt keine Falten und lächelt frühmorgens selbst an Montagen.

Wer unter Seriengesichtern keines findet, mit dessen Ausdruck er sich identifizieren kann, greift zum Zweitgesicht, dem Frontspoiler. Der enthält zwei Scheinwerfer und in der Mitte einen Grill; so wiederholt sich die Triade Auge-Mund-Auge. Er wird unter der Stoßstange angebracht und verlängert das flach gequetschte Normalgesicht.