Nun poltern sie kräftig: Professoren, Politiker, Pseudo-Propheten. In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf. Was an die Mark rührt, geht den Deutschen ans Mark. Ein halbes Jahrhundert lang ist die gute, alte DM der Inbegriff deutschen Erfolgs gewesen, Sinnbild mühsam wiedererrungener Wohlanständigkeit, Verkörperung des Wohlstandes nach Jahrzehnten der Entbehrung. Nun soll sie - in zehn Monaten schon - dem Euro weichen. Viele beschleicht Beklemmung bei dem bloßen Gedanken daran. Anhänglichkeit und Angst, Vergangenheitsverklärung und Zukunftsverzagtheit machen sich in einer sehr deutschen Gefühlsaufwallung Luft.

"Sechzig Prozent der Deutschen sind gegen den Euro, vierzig Prozent sind nicht dafür" - der Satz des früheren Bundesbankpräsidenten Pöhl ist über ein Jahr alt. In dieser Zuspitzung hat er nie gestimmt. Ein Fünftel bis ein Drittel sprach sich in den Meinungsumfragen immer schon für die einheitliche europäische Währung aus, und zuweilen ist der Anteil der Befürworter sogar über die Fünfzigprozentmarke gestiegen. Gleichwohl bleibt der Block der Skeptiker unübersehbar.

Und die Skepsis wird ja aus vielerlei Ecken geschürt. Von Politikern, die Wahlen verloren haben (wie Henning Voscherau) oder bei Wahlen Stimmen zu verlieren fürchten (wie Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber). Von Kohl-Gegnern, die aus Prinzip alles verwerfen, was vom Kanzler kommt (wie Kurt Biedenkopf). Von dem "Fähnlein der vier Aufrechten" (alias Viererbande), das auf juristisch schwachen Beinen nach Karlsruhe wankte, um die neue Währung zu verhindern. Und zuletzt von 155 Wirtschaftswissenschaftlern, die eine "geregelte Verschiebung" der Währungsunion "um einige Jahre" verlangen, weil sie sonst die Entgleisung des Euro-Zuges befürchten. Damit widersprachen sie einem Gutachten, das 53 Ökonomen im vorigen Herbst zugunsten des Euro veröffentlicht hatten.

Eine Währungsunion ist keine Währungsreform

Die Zeitgenossen kann der Krieg der Gutachter nur verwirren. Aber sie sollten sich kein X für ein U vormachen lassen.

Eine Währungsunion ist keine Währungsreform. Sie vernichtet nicht die Vermögen der Bürger und schmälert nicht ihre Erwerbseinkommen oder ihre Renten. Das vielbemühte Argument, eine Währungsunion könne ohne politische Union nicht funktionieren, ist historisch Unfug. Belgien und Luxemburg haben seit Jahrzehnten eine funktionierende Währungsunion - ohne politische Union. Die Geschichte der europäischen Integration hält im übrigen eine Fülle von Beispielen bereit, wie wirtschaftliche Integrationsschritte die Politik nachzogen. Unweigerlich wird die Europäische Währungsunion die Institutionen der Brüsseler Gemeinschaft fortschreitend politisch verdichten.

Die Konvergenz der Wirtschaftspolitik in den elf mutmaßlichen Mitgliedsländern reiche nicht aus? Erstens gibt es drastische Unterschiede im Entwicklungsstand auch innerhalb einzelner Staaten mit gemeinsamer Währung man sehe sich die Vereinigten Staaten einmal daraufhin an, oder auch Deutschland. Zweitens aber stehen die wichtigsten europäischen Währungen seit über einem Jahrzehnt in einem höchst stabilen Verhältnis zueinander. Obendrein sind die entscheidenden ökonomischen Kennziffern einander in einem Kraftakt sondergleichen angenähert worden: Seit 1992 sanken die Budgetdefizite um die Hälfte, die Inflationsrate auf durchschnittlich 1,7 Prozent. Würde die Währungsunion jetzt einfach abgeblasen, so ließe die Konvergenzdisziplin mit Sicherheit rasch nach; die junge europäische Stabilitätskultur wäre dahin. Und selbst eine bloße Verschiebung des Vorhabens könnte von den Märkten leicht als Preisgabe des Ziels aufgefaßt werden.