Gleich um die Ecke der Londoner Victoria Station, bei der Investmentbank Salomon Smith Barney, hat sich seit September viel geändert. Es gibt einen neuen Besitzer, nämlich die US-Gruppe Traveler; die Namensschilder wurden neu gedruckt - früher stand dort "Salomon Brothers" -, und ganze Abteilungen sind neu entstanden. Nur eins ist wie früher: Unten im Foyer klappt die Rezeptionsdame jeden Tag ein weiteres Blatt am "Euro-Kalender" um. In dicken Lettern informiert der Wandschmuck die Besucher, daß es "noch ... Tage bis zum Euro" sind. Fast wie in der Adventszeit.

An eine schöne Bescherung glaubt allerdings nur eine Minderheit in London. Im größten Finanzzentrum Europas - in einigen Bereichen sogar absolute Weltspitze - haben zur Zeit die Mahner Konjunktur. So beklagt der Unilever-Chef Niall FitzGerald seit Monaten, daß "die City den Euro in ihrer Außenseiterrolle unangenehm zu spüren bekommt". Konkurrierende Finanzplätze wie Frankfurt bekämen dann ihre große Chance. Andere beschwören gar den "Rostgürtel London" herauf, zumal der Euro derzeit nicht die einzige Sorge in der City ist: Die Konzentrationswelle am Finanzmarkt führt zu Entlassungen, die Asienkrise drückt auf die Stimmung, die örtliche Domäne der Investmentbanken hat vielleicht ihre besten Tage schon hinter sich.

"Fast alle Bereiche des Finanzmarkts sind vom Euro betroffen", prognostiziert der Ökonom Michael Saunders von Salomon Smith Barney, "und der Wettbewerb wird härter." Während sich Saunders und andere Experten noch kein endgültiges Urteil über die Folgen für London zutrauen, ist in vielen Geschäftsfeldern die Stimmung schon jetzt mies.

So ist in der britischen Hauptstadt der internationale Devisenhandel zu Hause - bislang ein lukratives Geschäft. Doch die vielen europäischen Währungen, deren Kursschwankungen die Spekulanten zu einträglichen Geschäften nutzen, gibt es bald nicht mehr. Zuerst hofften die Devisenhändler noch, daß ihre Kunden in exotischere Währungen flüchten würden - doch den Anlegern hat die Asienkrise erst mal den Appetit verdorben. Viele Handelshäuser haben ihre Devisenbereiche bereits gestrafft. Mit den Währungen verschwinden auch unzählige Marktnischen im Geld-, Aktien-, Schuldschein- und Derivatemarkt.Für andere Finanzgeschäfte ist es entscheidend, wie London in den internationalen Zahlungs- und Kreditverkehr rund um den Euro eingebunden wird. Für die Teilnehmer an der Währungsunion wird der Zahlungsverkehr nämlich bald einfach wie nie: Es gibt nur noch eine Währung, und die Banken bauen ein elektronisches Abrechnungssystem, mit dem sie sich per Kabel Euros zuschieben oder leihen können.

Die Briten gucken da reichlich dumm über den Kanal. Sie können sich zwar an dieses System anschließen - aber voraussichtlich zu höheren Preisen. Und gegenüber dem Rest Europas dürfen sie voraussichtlich nicht ins Soll geraten, was den Zahlungsverkehr ab und zu ins Stocken bringen dürfte. Die Briten bauen daher ein eigenes System auf, und die Bank von England will notfalls sogar Euro-Kredite aus den eigenen Reserven einspeisen. Umständlich ist das allemal. Notenbank-Gouverneur Eddie "Steady" George hat inzwischen die Notbremse gezogen und die Devise ausgegeben, den Finanzplatz London nicht auch noch herunterzureden. Er verbreitet daher nach Kräften gute Laune. So läßt George neuerdings in Seminaren und auf einer "Roadshow" den Bankern aller Welt verkünden, daß an der Themse ein wahrer Euro-Boom bevorstehe. Statt altbackener Bankkredite werde die City den Kontinentaleuropäern die Marktfinanzierung nach anglo-amerikanischem Vorbild erst richtig schmackhaft machen.

Hintenrum bleuen der Notenbank-Chef, Finanzminister Gordon Brown und die Vorsitzenden der Finanzverbände ihren Bankiers allerdings ein, daß dem Finanzplatz nichts mehr schaden kann als ein schlechter Euro-Start. In ihrem jüngsten Bericht zur Währungsunion mahnt die Bank von England britisch-verklausuliert, die Vorbereitungen vieler Vermögensverwalter und Versicherungsgesellschaften seien noch "eher weniger weit fortgeschritten". Gerade auf die versammelte Euro-Kompetenz der vielen unterschiedlichen Dienstleister wird es aber ankommen.

Die Briten wollen mit zwei Währungen arbeiten