Das Gröbste haben Deutschlands Forscher überstanden. Seit Beginn der neunziger Jahre hatte die Wirtschaft sie vernachlässigt - erst wollte sie die neuen ostdeutschen Märkte erobern, dann dominierte der Wunsch, möglichst viele Jobs zu streichen. 1997 haben die Unternehmen ihre Forschungs- und Entwicklungsetats erstmals wieder real aufgestockt: Nach Abzug der Inflationsrate bleibt Schätzungen des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zufolge ein Wachstum von zwei Prozent.

In diesem Jahr will die Wirtschaft wiederum mehr Geld in die Labors überweisen. Auch in den internationalen Patentstatistiken haben sich deutsche Unternehmen wieder nach oben gearbeitet. Deshalb die deutsche Volkswirtschaft bereits wieder als "zweitstärksten Innovationsstandort der Welt" zu feiern so Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers - ist verfrüht. Doch zumindest bröckelt die Basis für künftige Markterfolge nicht weiter.

Der Zuwachs darf aber über eines nicht hinwegtäuschen: Im Jahr der Vereinigung pumpten die Unternehmen noch 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung, heute ist das Niveau auf 1,5 Prozent gefallen. Auch 1996 sank die Zahl der Forscher in der Wirtschaft noch einmal um über 2 Prozent auf 277 000 - rund 25 000 weniger, als vor der Wiedervereinigung allein im Westen gearbeitet haben. Weil allen Ankündigungen zum Trotz der Staat nicht in die Bresche gesprungen ist, rutschte Deutschland in der Weltrangliste der Forschungsintensität auf Platz sieben - hinter Länder wie die Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich.

Immerhin ist die hiesige Forschung effizienter geworden. Mit weniger Personal entwickeln deutsche Firmen und Institute wieder mehr sogenannte Weltmarktpatente als jede andere Volkswirtschaft - Erfindungen also, die in mindestens zwei der Triaderegionen Europa, Japan und USA angemeldet wurden. Die Deutschen haben den Anteil von Spitzentechnologien an der Industrieproduktion kräftig gesteigert und den größten Anteil am globalen Handel mit höherwertiger Technik erwirtschaftet.

Höherwertige Technik ist allerdings ein weiter Begriff. Nach wie vor machen die großen Traditionsbranchen Auto, Elektrotechnik, Maschinenbau und Chemie drei Viertel der industriellen Innovationen unter sich aus. Schlüsseltechnologien für das nächste Jahrtausend erfinden diese Branchen selten. So treiben deutsche Entwickler die digitale Revolution kaum voran: Zwar gründen Jungunternehmer heute jährlich 150 Multimediafirmen mit steigender Tendenz, aber die Basisinnovationen auf diesem Zukunftsfeld müssen sie in der Regel immer noch importieren. Rückschläge sind beim Umweltschutz zu verzeichnen: Früher eindeutig die Nummer eins auf der Welt, müssen sich deutsche Unternehmen die globale Spitzenposition nun mit den Amerikanern teilen. Auch der Anteil an den weltweiten Ökopatenten ist erheblich gesunken.

Am kräftigsten wollen die Chemiemanager ihre Forschung aufstocken. Dahinter steckt vor allem die Aufbruchstimmung in der Biotechnik. Nachdem ihre Erfinder bis zur Mitte des Jahrzehnts vor dem Gesetzgeber und der allgemeinen Stimmung ins Ausland geflohen waren, forschen sie nun auch in der Bundesrepublik. Seit 1995 hat sich die Zahl der Bio-Tech-Firmen vervierfacht. Und auch die Konzerne entwickeln mehr im eigenen Land. Trotz vergeblicher Kämpfe um größere Budgets kann Jürgen Rüttgers diese Entwicklung auch als seinen Erfolg verbuchen.

Das größte Manko versteckt sich in einer anderen Statistik: Deutschland ist ein Nettoexporteur von Innovationsdiensten. Hiesige Konzerne lassen mehr im Ausland forschen, als an Mitteln in die entgegengesetzte Richtung fließt für ein Hochlohnland wie die Bundesrepublik eine traurige Bilanz. Dabei ist Deutschland für amerikanische Firmen immer noch der wichtigste Forschungsstandort im Ausland. Aber umgekehrt ist der Sog noch stärker. Ob Chemie- oder Elektroriesen: Die führenden Unternehmen haben mittlerweile rund ein Drittel ihrer Forschung über die Grenzen verfrachtet.