Große Aufregung in Deutschland: Die Giftmischer kommen! Blausäuresalz in Senf und Mayonnaise, Rattengift in der Marmelade, Unkrautvertilgungsmittel in der Babynahrung. Maggi, Alete, Schwartau. Tengelmann, Aldi und Edeka. "Produkterpressung ist fast schon zum Volkssport geworden", klagt der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. An manchen Tagen treffen neue Berichte von der Giftfront im Stundentakt ein. "Die Serie von Lebensmittelerpressungen weitet sich immer mehr aus", meldete die Deutsche Presse-Agentur, mitgerissen vom Strom der eigenen Nachrichten, als es in der vergangenen Woche Kaufhof und Real traf.

Volkssport? Serie? Bei den Unternehmenserpressungen sei "keine Steigerung festzustellen", sagt Klaus Neidhardt, Leiter des Fachbereichs Kriminalistik und Kriminologie an der Führungsakademie der Polizei in Münster-Hiltrup. Die Zahl der Fälle schwanke zwischen 100 und 150 im Jahr, und zwar schon "mindestens seit Anfang der Neunziger".

Neu ist nicht das Verbrechen, sondern das Interesse der Medien. Geweckt hat es vor allem der Fall Thomy, der im April vergangenen Jahres bekannt wurde. Ein Erpresser hatte Senf und Mayonnaise dieser Marke mit Zyanid versetzt und vage angegeben, wo welche vergifteten Waren zu finden seien. So zwang er den Nestlé-Konzern, tonnenweise Lebensmittel aus den Regalen zu holen.

Supermärkte in Bremen, Saarbrücken und Regensburg wurden zeitweise geschlossen. Kein Kunde kam zu Schaden. Aber das Trommelfeuer der Nachrichten vom "Tod aus der Tube" (dpa) fügte dem Unternehmen einen Verlust in zwei-, womöglich sogar dreistelliger Millionenhöhe zu. "Sieben Stunden Negativwerbung" im Fernsehen, klagt Nestlé-Sprecher Albrecht Koch - bitter für einen Hersteller, der 360 Millionen Mark im Jahr ausgibt, um den Verbrauchern Slogans wie "Thomy - hier kommt der Genuß" einzuprägen.

Gift in der Babynahrung - diese Nachricht scheint eine Suggestivkraft zu entfalten, die sogar Erwachsenen das Gehirn lähmt. In fünf Gläsern mit Babybrei war Ende Januar in Pleidelsheim, Kreis Ludwigsburg, das giftige Pestizid E 605 entdeckt worden. Wieder hatte es Nestlé erwischt, diesmal die Marke Alete ("Das Beste für mein Kind"). Wieder hatte der Konzern sofort die Polizei informiert und seine Gläser aus allen bedrohten Geschäften geholt. Zur Sicherheit warnte das Unternehmen öffentlich vor der eigenen Ware und suchte noch weitere 160 Läden im Landkreis ab.

Den Grünen in Baden-Württemberg reichte das nicht. Die Polizei habe zu spät Alarm geschlagen und so in Kauf genommen, "daß ein Mensch zu Schaden kommt", verkündete der Landtagsabgeordnete Jürgen Walter. Ein absurder Vorwurf. Erpresser und Verbraucher unterliegen offenbar derselben Täuschung: Es scheint so einfach, im Supermarkt eine präparierte Tube oder Dose ins Regal zu stellen - muß da nicht das Risiko des Täters minimal sein und die Gefahr für den arglosen Kunden folglich immens?

Ein Trugschluß: Hersteller, Händler und Behörden können im eigenen Interesse nicht umhin, beim geringsten Anzeichen einer Gefahr alle verdächtigen Waren aus dem Verkehr zu ziehen. Käme wirklich einmal ein Kunde zu Schaden, müßte das Management des erpreßten Unternehmens mindestens mit einem Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen, ebenso säumige Beamte. Wohl darum haben Produkterpresser in Deutschland, soweit bekannt, mit ihren Anschlägen erst einen Menschen verletzt: Ein Kleinkind aß mit Glassplittern versetzte Babynahrung.