So sei es." Der biblische Satz war unerhört, teilte die Gemeinde und spaltete die Kritik. Mit ihm war das Urteil gesprochen: daß nie wieder ein Urteil ergehen soll. Der Satz, mit dem eine Geschichte endet und viele Geschichten beginnen, steht in Peter Handkes Roman "Langsame Heimkehr". Er ist das Echo auf einen Ausruf, den Schriftsteller einer Figur gewöhnlich nur in den Mund legen, um sie zum Narren zu halten. "Zum ersten Mal sah ich soeben mein Jahrhundert im Tageslicht, offen zu den anderen Jahrhunderten, und ich war einverstanden, jetzt zu leben."

Doch es war keine Figur, es war die Stimme des Meisters. Nach den Jahren der Kaspereien und des Sprachzweifels war er zum Prediger geworden und verkündete eine Lehre, die mit dem Geist der Kritik für immer gebrochen hatte. Kunst ging nach Kunst, nach nichts sonst. "So sei es."

Nach dem "Gewicht der Welt", der "Geschichte des Bleistifts" und den "Phantasien der Wiederholung" übergibt Peter Handke den Lesern nun sein viertes Journal: Fünfhundert Seiten Einsamkeit, Sätze und Sentenzen aus den Salzburger Jahren zwischen 1982 und 1987, dazwischen hochgemut demütige Exerzitien, mit denen er sich auf sein Werk einstimmt, vor allem auf "Die Wiederholung" und den "Nachmittag eines Schriftstellers". Die wunderbaren "Versuche" erscheinen am Himmel, und der große Roman "Mein Jahr in der Niemandsbucht" wird Ahnung und Gegenwart. Immer wieder bittet er Spinoza, Goethe, Emmanuel Bove und René Char vors Weltgericht der Literatur, und siehe da, sie sprechen wie Handke.

Am Felsfenster morgens blickt der Autor, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, auf das Stilleben des Daseins. Er sieht den Tau auf dem Fahrradsattel und die Eichhörnchenspuren auf unbeschriebenen Briefumschlägen. Er sieht zwei Mädchen auf dem Fahrrad. Er sieht eine "leere NIVEA-Dose". Er sieht das Aufspringen des Hasen vor dem Wanderer. Er sieht, wie eine Frau "auf den Balkon des Neubaus tritt, der noch kein Geländer hat". Er sieht im Abendbus ein Mädchen mit einem "Oleanderstrauch, der schwankte". Es ist das "Sein".

Das "Sein" und das "Leben", die "Welt" und die "Zeit", das sind die großen Worte, die Handke ausbuchstabiert, während sein Auge auf Menschen ruht, die ihre Freude und ihr Leid nicht einmal mehr spüren. Nur der Fremde erkennt Entfremdung; er weiß noch vom Mangel des gelebten Lebens, und nur er hat sich den Sinn bewahrt für die Wunder im Profanen. "Die Kellnerin ging in der Sturmnacht mit einem Tablett, auf dem Apfelkuchen lagen, vom Hauptgasthaus zum Nebengebäude, wo die Kegelbahn war. Und ich dachte: das ist Leben, das Leben."

Kein Leben ohne Sprache. Daß die Sprache das Auge der Erfahrung ist, dies wird in diesen Notizen und Reflexen Handkes große, vielleicht einzige Wahrheit, die ihn besitzt und verhext, blind macht und sehend, die ihn verfolgt wie ein geliebter Feind. Deshalb leben seine Menschen nicht in sozialen Verhältnissen, sondern im Gnadenstand der Schrift; die Sprache ist das Haus des Seins und das Licht der Welt; ohne Sprache hat auch "der mit Stummheit Geschlagene keinen Blick mehr". Doch Stummheit ist die Signatur des Zeitalters, denn unter der Despotie der Medien, am Ende eines eitlen Jahrtausends, ist die Menschensprache ausgewandert in das Leben der Dinge oder das vielstimmige Schweigen der Natur: "Laß mich in Ruhe, Journalist.(...) Dagegen die Nachricht des Zikadenchors." Und so beschließt der Autor, am Felsfenster morgens, den Übertritt aus der Gesellschaft der Menschen in die Gemeinschaft der Blätter und Steine.

Verstummen die Menschen, dann sprechen die Steine. Wer damals beim Roman "Die Wiederholung" seinen Augen nicht traute; wer Handkes Solidarität mit dem Unbelebten für eine ontologische Grille hielt, der hat es nun schwarz auf weiß. Der Autor beglaubigt sein Werk und liest seinem Helden, dem Weltfremdling Filip Kobal, "wiederholend" von den Lippen. "Mir scheint, jetzt erst, vor dem drohenden Ende der Welt, sind wir so frei, die Sprache der Welt zu sprechen, der Sonne, der Blumen, der Vögel, der Luft (das ist Literatur)."