Bis vor kurzem war die IBM-Welt noch in Ordnung. Die vor einigen Jahren schon totgesagte Industrie-Ikone aus Armonk bei New York hatte das Jahr 1997 mit einem Umsatz von knapp achtzig Milliarden Dollar abgeschlossen und mehr Geld verdient, als der Staat Bolivien in einem ganzen Jahr erwirtschaftet. Trotz diverser Probleme schien der Mammutkonzern auf dem besten Weg, auch im nächsten Jahrzehnt die unangefochtene Nummer eins auf dem globalen Computermarkt zu bleiben. Die halbe Strecke zum Comeback sei zurückgelegt, fand IBM-Chef Lou Gerstner: "In der ersten Phase ging es um unser Überleben. Jetzt geht es um Führerschaft."

Dann kam zunächst ein Donnerschlag aus Houston. Völlig überraschend gaben der weltgrößte PC-Hersteller Compaq und sein deutscher Chef Eckhard Pfeiffer Ende Januar die Übernahme der Computerfirma Digital Equipment bekannt. Es ist nicht nur die teuerste Fusion in den Annalen der Computerbranche. Mit ihr entsteht auch der zweitgrößte Computerkonzern der Welt - ein Unternehmen, das IBM in fast allen Geschäftsbereichen Paroli bieten könnte.

Als nächster verblüffte Ende vergangener Woche Computer Associates (CA) mit einer Ankündigung. Der nach Microsoft und Oracle drittgrößte Softwareproduzent der Welt will Computer Sciences Corporation (CSC) übernehmen. Gelingt dieser Coup, wird IBM ein noch kräftigerer Wind entgegenblasen.

Das Übernahmekarussell dreht sich zu einer Zeit, in der die Karten in der Informationstechnologie neu gemischt werden. Mehr und mehr Unternehmen ersetzen ihre Großrechner durch kleinere Computer, sogenannte Server, die ihrerseits ganze Armeen von Personalcomputern bedienen. Firmeninterne Netze werden mit externen Netzen verbunden, um direkte und schnelle Verbindungen zu Kunden und Lieferanten zu schaffen. Und das Internet öffnet einen milliardenschweren neuen Markt für elektronische Geschäfte.

IBM scheint für diese Herausforderungen heute besser gerüstet als zu Beginn des Jahrzehnts. Zwischen 1990 und 1993 hatte der Konzern Verluste in Höhe von sechzehn Milliarden Dollar geschrieben. Mit dem Siegeszug des Personalcomputers über die traditionellen IBM-Großrechner war der weltweite Marktführer der Computerbranche zu einem demoralisierten, entscheidungsunfähigen Unternehmen degeneriert. Die Wende kam 1993, als Lou Gerstner, der ehemalige Chef des Keksfabrikanten RJR Nabisco, das Zepter in Armonk übernahm.

Seither schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. 1997 lag der Gewinn bei immerhin rund sechs Milliarden Dollar. Dieser Erfolg, so Hans Ulrich Märki, IBM-Europachef für das Dienstleistungsgeschäft und ein Konzernveteran mit 25 Jahren Dienstzeit, hat viel mit der Besinnung auf alte Tugenden zu tun. Die arrogante, überhebliche IBM der achtziger Jahre sei eine Sache der Vergangenheit.

Während es allerdings beim Verkauf von Personalcomputern und Großrechnern nicht so recht vorwärtsgeht, zeigt der Servicebereich rasantes Wachstum. IBM gibt strategische Hilfe beim Einsatz neuer Technologie, bringt beispielsweise Unternehmen ins Internet. So ist der Konzern in wenigen Jahren zum größten Dienstleistungsanbieter in der High-Tech-Branche geworden - und hat sich selbst ein neues Gesicht gegeben: "Wir sind", sagt Linda Sanford, die IBM-Chefin für den weltweiten Verkauf, "heute mehr ein Lösungs- und Servicelieferant als ein reiner Hard- und Softwarebetrieb."