Jakarta

Kwik Kian Gie ist Ökonom. Seit Monaten drucken die indonesischen Zeitungen seine Analysen der Wirtschaftskrise, in der sich das Land befindet. Inzwischen äußert er sich auch zu einem anderen, mehr persönlichen Thema. "Viele meiner Freunde", sagt er, "haben das Land verlassen." Kwik Kian Gie ist Indonesier chinesischer Abstammung.

Tief besorgt beobachten die Chinesen in Indonesien, wie das Land ins Chaos trudelt. Acht Millionen Menschen, so schätzt die Regierung Suharto, werden in den kommenden Monaten ihre Arbeit verlieren. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen empfindlich, zum Teil ums Drei- bis Vierfache. Mehr und mehr Indonesier, die um ihre tägliche Schüssel Reis bangen, machen ihrer Verzweiflung gewalttätig Luft. Überall im Land randalieren sie in den Straßen, plündern und brandschatzen - und fast immer sind Chinesen das Ziel ihrer Angriffe.

Sechs Millionen Chinesen leben in Indonesien. Offiziell sind sie voll integriert in die Gesellschaft der 200 Millionen Insulaner. Fast alle sprechen die Landessprache, viele tragen indonesische Namen. Die ersten Chinesen wanderten vor mehr als 500 Jahren ein. Ein zweiter Schub folgte, als die holländischen Kolonialherren Gastarbeiter aus dem Norden nach Indonesien lockten.

Trotzdem blieben sie als Minderheit immer isoliert: Hochzeiten mit Indonesiern sind selten, die wenigsten Chinesen traten zum Islam über, der vorherrschenden Religion im Lande. Was sie immer wieder Anfeindungen aussetzt, ist ihre überragende Stellung im indonesischen Wirtschaftsleben. Weil sie lange keinen Grund und Boden erwerben durften, lenkten sie ihre Energien schon früh in den Handel. Inzwischen beherrschen sie die meisten Konglomerate in den Metropolen und das lokale Busineß in den Provinzen.

Das Centre for Information and Development Studies, ein Think Tank in Jakarta, schätzt, daß die Chinesen mehr als die Hälfte der indonesischen Volkswirtschaft kontrollieren. Andere Stellen sprechen sogar von siebzig Prozent. Besonders unter ärmeren Indonesiern gelten "die Chinesen" als skrupellose Geschäftsleute, die sich auf Kosten der "Pribumi", der "Söhne des Volkes", bereichern.

"Wenn es die Indonesier auf die Straße treibt, egal aus welchem Grund, trifft es fast zwangsläufig die Chinesen", meint Franz Magnis-Suseno, Sozialphilosoph in Jakarta. Chinesenfeindliche Ausschreitungen und Massaker gab es schon in der frühen Kolonialzeit. Bis heute lebt die Erinnerung an das Schreckensjahr 1965 fort, als die Chinesen öffentlich der Unterstützung eines fehlgeschlagenen kommunistischen Putsches verdächtigt wurden: Bis zu einer halben Million Menschen wurden damals von aufgewiegelten Indonesiern umgebracht.