Multis machen demokratisch gewählte Regierungen zu ihren Marionetten, Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte gehören der Vergangenheit an - kurzum: Die Herrschaft transnationaler Konzerne tritt an die Stelle nationaler Souveränität. Diese Schreckensvision, davon sind Entwicklungsländer, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Gewerkschaften überzeugt, wird mit dem "Multilateralen Investitionsabkommen" (MAI) in Erfüllung gehen.

Die 29 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die derzeit in Paris entscheidende Verhandlungen beginnen, wollen das Abkommen bis April unterschriftsreif machen. Im September 1995 begannen die ersten Gespräche als geheime Kommandosache, ans Licht gezerrt wurden die brisanten Gespräche erst 1997 von NGOs. Die sind seitdem überzeugt, eine Verschwörung des Big Business und seiner Wasserträger in den Ministerialbürokratien aufgedeckt zu haben. Finanzstarke Multis wie Royal Dutch Shell würden, so ihre Notrufe, die Macht übernehmen und ökologische Wüsten hinterlassen, wie sie in Nigeria zu sehen seien. "MAIday, Mayday!" steht auf ihren Internet-Seiten.

Auch die Abgeordneten des Bundestages haben das Wirtschaftsministerium erst vor urzem mit der Frage behelligt, worüber die reichsten Länder des Globus seit zweieinhalb Jahren brüten. "Weder Öffentlichkeit noch Bundestag sind über die Verhandlungen angemessen informiert worden", beklagt sich die SPD-Abgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk. Das Ministerium gibt inzwischen wenigstens den Textentwurf heraus. Die Parlamentarier wollen jetzt vor allem wissen, was sich in Deutschland für ausländische Investoren ändern würde und warum der Entwurf des Abkommens "nur Rechte für die Unternehmen, aber keine bindenden Verpflichtungen" für sie vorsieht.

Der Kern der Kritik lautet: Multinationalen Unternehmen werde ein goldener Schlüssel überreicht, damit sie "ihre Fabriken kaufen, verkaufen können, wann und wohin sie wollen und völlig ungehemmt von Auflagen einer nationalen Regierung", prognostiziert der Kanadier Tony Clarke, ein engagierter Katholik.

Gewerkschaften empört am Investitionskodex, daß nicht einmal die grundlegenden Arbeitnehmerrechte wie Koalitionsfreiheit, Tariffreiheit und Beseitigung von Zwangsarbeit enthalten sind. Ein Kompromißangebot, diese Rechte in der Präambel zu erwähnen, lehnen sie ab. Der Internationale Bund freier Gewerkschaften will eine verbindliche Klausel. Abgesehen von den fehlenden Sozial- und Umweltstandards kritisiert der DGB, das MAI werde eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung erschweren. Die Kritiker untermauern ihre Vorwürfe mit den Kernbestandteilen des Abkommens:

- Neben Produktionsstätten werden auch Finanzanlagen wie Aktien- oder Anleihenbesitz geschützt, was Auflagen gegen spekulative Kapitalbewegungen aushebelt.

- Klassische Instrumente zur Förderung der Entwicklung, wie die Verpflichtung, einen bestimmten Teil der Vorleistungen vom heimischen Markt zu beziehen, oder Vorschriften für den Technologietransfer, werden verboten.