Die gängige Meinung im Westen lautet: Saddam brauche ja nur die UN-Resolutionen zu befolgen, und die Sanktionen gegen sein Land würden aufgehoben. Das ist wohl wahr. Und dennoch zynisch: Saddam pflegt seine Bevölkerung nicht zu fragen, ob sie seine Politik für sinnvoll hält. Die Iraker sind Geiseln ihres Diktators. Und haben die Wahl zwischen dem Hammer der UN-Sanktionen und dem Amboß der Schreckensherrschaft Saddam Husseins. In dieser aussichtslosen Lage entscheiden sie sich für ihren Peiniger, der heute fester im Sattel sitzt als je zuvor.

Auch im Nahen Osten weiß man, daß Saddam Hussein ein skrupelloser Diktator ist. Dennoch genießt er in der arabischen Öffentlichkeit große Sympathien. Vorige Woche kam es in der jordanischen Hauptstadt Amman nach der Freitagspredigt zu gewaltsamen Zusammenstößen proirakischer Demonstranten mit der Polizei - ein erster Vorgeschmack auf den zu erwartenden Aufruhr der arabischen Straße, falls die Amerikaner tatsächlich Bagdad angreifen. Warum ist das so?

Warum diese arabische Abneigung, der Logik des Westens zu folgen und diesem Tyrannen das Handwerk zu legen? Weil die Araber nun einmal irrational sind?

Vielen Arabern erscheint der Friedensprozeß auf Israel zugeschnitten

Zwei Gründe sind für die Einstellung der Araber entscheidend. Zum einen haben sie das Gefühl, daß der Westen ständig mit zweierlei Maß mißt. Irak verletzt die Resolutionen des Sicherheitsrates und muß mit einer militärischen Strafaktion rechnen. Israel ignoriert seit 1967 sämtliche Resolutionen der UN-Generalversammlung, die den Rückzug aus besetzten palästinensischen Gebieten, aus den syrischen Golanhöhen und dem Südlibanon verlangen, und sabotiert überdies den in Oslo begonnenen Friedensprozeß. Doch nichts passiert - kaum Druck, geschweige denn Sanktionen, bestenfalls freundschaftliche Appelle.

Vielen Arabern und Muslimen erscheint der sogenannte Nahostfrieden deshalb als eine auf Israel zugeschnittene regionale Ordnung, die Amerika mit Gewalt den arabischen Staaten aufzuzwingen versucht. Die Krise mit dem Irak diene als Mittel zum Zweck: Einerseits solle dies ablenken von der kompromißlosen Politik Israels gegenüber den Palästinensern; andererseits soll diese Krise Bill Clinton entlasten von innenpolitischen Schwierigkeiten. "Monica (Lewinsky) verlagert den Kampf nach Bagdad", titelte vor zwei Wochen das prosaudische Nachrichtenmagazin Al-Wasat.

Beispiel Jordanien: Zwar gibt es ein Parlament, aber die Macht liegt allein in den Händen König Husseins, eines der klügsten und erfahrensten arabischen Politiker. Im Alleingang, ohne das Parlament zu informieren, beschloß er 1994, einen Friedensvertrag mit Israel zu schließen. Sein Ziel war eine strategische Allianz mit dem Nachbarn, vor allem die enge Kooperation in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen, um die eigene Herrschaft zu stärken und von Anfang an im "neuen Nahen Osten" eine tragende Rolle zu spielen.