Am Anfang war Heroismus, am Ende Demut. Erst Zerstörung, dann Schöpfung. Erst Faszination für den Tod, dann Dank für das biblische Uralter. "Nicht geheuer", notierte Ernst Jünger, sei ihm, wie jemand seine "natürliche Zeit" so lange überleben kann in einem Jahrhundert, das ihm alle Gelegenheit gab, "vor seiner Zeit zu verschwinden". Denn seit Verdun fühlte sich Jünger als Überlebender der Moderne, und seitdem schlägt die Lebenszeit im Takt der Weltzeit. Das war kein Privileg, kein Zeichen, sondern ein Auftrag. Die unpersönliche Macht der Geschichte hatte gerufen und ihn zum Ersten Sekretär bestellt. Zur Mitschrift von Schrecken und Untergang.

Ernst Jünger: Biograph und Chronist des Jahrhunderts. So sollte der Blick der Nachwelt auf das Werk fallen, auf die Kampfschriften, die Tagebücher und die Romane. Man solle es ihm zurechnen, aber ihn nicht dafür verantwortlich machen. Der Autor bringt den Text der Geschichte zur Sprache, damit ihre Insassen den Sinn verstehen. Und die Verantwortung der Schrift? Gering. Persönliche Schuld? Schweigen.

Nun, alle Gratismoral trübt den Blick der Nachgeborenen. Denn natürlich war der Erste Weltkrieg die Initialkatastrophe für Jünger, für das Leben und das Werk. Das Inferno, das "tödliche Erleben" , prägte den traumatischen Kern seiner Existenz und war die Wunde allen Schreibens. Dieser Krieg, schrieb er, sprengt das Bild des Menschen, verschaltet den Körper mit der Maschine und pulverisiert ihn zur Materie. Danach mußte das schwarze Feld der Erfahrung "durch Autorschaft" bewältigt, durch Erinnerung ausgelöscht und entschärft werden. Nichts war geblieben von der bürgerlichen Welt, vom faulen Zauber der Sekurität, vom Fortschritt der Freiheit - nichts, nur Panik und Grauen. Das ist die Urszene des Werks, die nichts entschuldigt, aber alles erklärt.

Jünger zieht aus der Todeserfahrung die Konsequenz. Er betreibt ein Vergessen nach vorn und verwandelt den Nihilismus der Politik in den Nihilismus der Literatur. Sie verbürgt nichts, verspricht nichts, nur reine Wahrnehmung und die Freiheit der Einbildung. Die Literatur buchstabiert das Entsetzen: Der Krieg ist das Archaische im Herzen der Moderne, ihr Stahlgewitter eine zweite Natur.

Als die Schlacht zu Ende ist, geht sie für Jünger weiter. Er agitiert, als sei die Weimarer Republik sein Schützengraben; im Takt der "Webstühle von Manchester" hört er das "Rattern der Maschinengewehre von Langemarck" und den "Rhythmus einer neuen Zeit". Noch Ende der zwanziger Jahre steht er im Bann der Zerstörung; sein "Abenteuerliches Herz" verachtet den Frieden als Nivellement des tragischen Lebens. "Die Zeiten der Aufklärung sind vorbei, und der Krieg vollendet ihren Untergang."

Nicht Aussöhnung mit der Moderne, sondern ihre Überbietung - so lautete Jüngers innerer Marschbefehl, mit der er "Dampf hinter den Erscheinungen machen" will, bis das Zeitalter als organische Totalität zur tausendjährigen Ruhe kommt, was der von Hitler zu Tode gehetzte Philosoph Walter Benjamin mit dem Satz kommentierte: Für Jünger sei der Stahlhelm "die kosmische Innenseite des Himmels".

Hier, im heroischen Nihilismus, gehen die Kunst des Schreckens und die Ästhetik der Politik dann doch zusammen. Jünger war eben nicht der brav ausschlagende Seismograph der Zeit, und auch aus historischem Abstand sind seine Tiraden gegen die Republik unbegreiflich in ihrer Schärfe und brutalen Wut. Seine Einleitung zum "Arbeiter" bleibt das singuläre Dokument bürgerlicher Selbstzerstörung im blindwütigen Kampf gegen die Ideen von 1789. "Hochverrat des Geistes gegen den Geist", nannte Jünger seinen Wahn, und schon dieser Satz sagte alles. Der konservative Revolutionär wurde zum Eideshelfer des Weimarer Untergangs, zum Richtschützen bei der Überwindung der Republik.