Was sollte uns davon abhalten, Menschen zu klonen? Dieter E. Zimmer schlägt vor, die Biologie um Rat zu fragen. Doch kann die Biologie wirklich als moralgebende Instanz dienen?

Die Verhaltensforscher um Konrad Lorenz nahmen noch an, daß die Evolution zwangsläufig ein "moralanaloges" Verhalten hervorbringt; seine Nachfolger, die Soziobiologen, haben richtig erkannt, daß dies nur für die blutsverwandte Gruppe gilt, und auch hier nur eingeschränkt. Soziobiologen arbeiten heute mit Theorien, die nicht nur erklären, warum Schwiegermütter böse sind und Stiefväter allzuhäufig ihre Kinder umbringen, sondern die ein solches Verhalten sogar vorhersagen können. "Die Natur ist moralisch absolut indifferent", schreibt Christian Vogel in seinem bemerkenswerten Buch "Vom Töten zum Mord - Das wirklich Böse in der Evolutionsgeschichte" (Hanser Verlag).

Auf dem Gebiet des Verhaltens also scheint die Natur eher dem Bösen zugeneigt; wie sieht es mit Zimmers zweitem Beispiel aus? "Krankheit liegt offenbar nicht in der Absicht der Natur", schreibt er. Wirklich nicht? Wir könnten alle viel älter werden, wenn die Natur dies wollte, aber sie will nicht. Nie haben Individuen, die sehr alt wurden, eine evolutionäre Chance gehabt gegen jene, die sich in rascher Generationenfolge erfolgreich fortgepflanzt haben. Die Folge davon ist, daß uns unser Genom zum Sterben programmiert hat. Die Evolution hat uns vor Alterskrankheiten nicht geschützt, obwohl sie es gekonnt hätte. Ja, es gibt deren so viele, weil ihr unsere Gesundheit im Alter herzlich gleichgültig ist! Als moralgebende Instanz ist also die Natur, ist die Biologie, die sie erklärt, denkbar ungeeignet.

Die Evolution löst das Problem ohnehin ganz von alleine

Wie sähen die evolutionären Perspektiven eines Menschen aus, der sich in mehreren Generationen klonen ließe? Die Tatsache, daß er heute existiert, beweist, daß es sich bei seiner genetischen Ausstattung um ein Erfolgsmodell handelt. Seine Gene haben eine Zeit von vier Milliarden Jahren in ununterbrochener Generationenfolge hinter sich. Kein einziger seiner tierischen und menschlichen direkten Vorfahren ist in dieser Zeit je gefressen worden, wurde von einer Krankheit dahingerafft oder ist von einem Baum gefallen, bevor er sich fortpflanzen konnte. Das Habermassche Argument, daß derjenige größenwahnsinnig ist, der sich selbst für so ideal hält, einem anderen genau die eigenen Erbanlagen zuzumuten, sticht nicht: Wer es in der Evolution bis heute geschafft hat, ist in gewissem Sinne ideal; seine genetische Ausstattung hat ihn nahezu perfekt an die Gegebenheiten der heutigen Welt angepaßt.

Das wird nach einigen Generationen klonalen Lebens ganz anders aussehen: In einer ihnen immer widriger erscheinenden Umwelt werden Klone ohne die Chance einer genetischen Anpassung kläglich scheitern. Die Evolution würde damit das Problem von selbst lösen - ganz ohne Moral.

Warum also sollten wir uns nicht klonen? Es bleiben uns wohl nur die Töpfe, aus denen wir schon immer unsere Ethik geschöpft haben, es bleiben nur Kant oder eine Konsensethik: Wir klonen nicht, weil die Mehrheit dies nicht will. Noch nicht.