Was für ein wunderbarer Sauhaufen, dieses Internet! Jeder kann in ihm veröffentlichen, was er will. Sei es einen schlechten Witz über Bill Clintons Unterhose oder den neuesten Börsenkurs, ein Gedicht, bei dem es mit dem Reim hapert, oder den Bestellschein eines Bücherladens. Völlig egal. Ist auch gut so. Denn dieses Chaos hat das Computernetzwerk zu einer lebendigen Welt gemacht. Aus 200 Millionen Seiten besteht sie angeblich. Und wenn man sie betritt, findet man sich nach fünf Minuten wieder, träumend, fasziniert, versunken in die Lektüre Shakespearescher Sonette oder den Bericht eines Mannes, der von einem Außerirdischen im Pyjama entführt wurde.

Es wäre nur schön, würde man auch finden, was man sucht. Denn weil jeder darf, wie er will, weiß keiner, wo das Nützliche liegt. Das Netz gleicht einer riesigen Bibliothek, der das Stichwortverzeichnis fehlt. So waren alle froh, als ein paar eifrige Bastler die Ärmelschoner überstreiften und in der Chaos-Bibliothek einen Infostand aufmachten; rief man ihnen einen Begriff zu, gruben sie in ihrer Suchmaschine und wiesen einem den Weg: "Schlecht gereimte Lyrik? Drittes Regal links."

Erst wurden diese Internet-Kataloge und -Suchmaschinen von idealistischen Studenten zusammengestoppelt. Sich selbst machten sie damit eine Freude, und uns Ratlose führten sie ohne Umwege zu den Außerirdischen, Unsinn, zu Shakespeare William. Doch dann kamen immer mehr Firmen und übernahmen die Register. Und sie hatten jede Menge origineller Gründe dafür. Sie wollten etwas verkaufen: Werbung, Werbung und Werbung.

Die bislang letzte Infobude eröffnet nun der Softwaregigant Microsoft. Und auch er bietet eine Internet-Seite an, die nichts anderes tut als aufzulisten, was es wo zu finden gibt. Hilfreich sind all diese kommerziellen Internet-Verzeichnisse ohne Zweifel. Nur vermarkten sie nicht nur die Inhalte anderer kommerzieller Anbieter, sondern auch jene idealistischer Internet-Publizisten; die stellen schon einmal in jahrelanger Kleinarbeit gigantische Rezeptbücher zusammen oder tippen Originaltexte der Weltliteratur ab - wie unzählige ähnliche Gruppen, die aus dem Internet eine frei zugängliche Enzyklopädie des Menschenwissens machen wollen.

Daß es in jedem Fall lukrativer ist, eine Infobude aufzumachen, als zur inhaltlichen Vielfalt des Internet etwas beizutragen, zeigt das Beispiel Microsoft: Im Gegenzug zu seinem neuen Netzkatalog stellte das Unternehmen seine publizistischen Bemühungen ein. Zu teuer, kein Gewinn.

Warum erlauben die Literaturfreaks und Rezeptesammler den Firmen bloß, ihre Inhalte zu vermarkten? Sie haben keine andere Wahl. Denn verwehrten sie es ihnen, verstaubten ihre Werke unbeachtet in den Regalen. So leben sie mitund voneinander, die beiden Gruppen, und wenn man die Ohren spitzt, kann man hören, wie die Idealisten mit den Zähnen knirschen - manchmal.

Doch mittlerweile gibt es derart viele Kataloge, daß schon wieder niemand weiß, wo was zu finden ist. Deshalb sind Über-Kataloge entstanden, die die Vorarbeiten der anderen plündern. Geschieht ihnen recht: Man soll sich eben nicht mit einem wunderbaren Sauhaufen anlegen.