Ein Höllenhund erregt die Gemüter: Seit anderthalb Jahren läßt das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) von der Firma Siemens einen Krypto-Chip entwickeln, der den Codenamen Pluto trägt. Er soll den amtlichen Datenverkehr verschlüsseln und damit für Hacker unzugänglich machen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, doch fürchtet die Internet-Gemeinde, daß Innenminister Manfred Kanther mit diesem Chip weitergehende politische Ziele verfolgt. Pluto solle eine Art Standardverschlüsselung für jedermann werden - so könne der Staat über eine Art Generalschlüssel Zugriff auf den privaten Datenverkehr der Bürger bekommen.

Ein Krypto-Chip ist ein kleiner Prozessor, der eine Nachricht, ein Dokument oder eine Stimme in einen Buchstaben- und Zahlensalat verwandelt, den Unbeteiligte nicht zu entwirren vermögen. So können die Daten bedenkenlos über das Internet verschickt werden. Beim Empfänger übernimmt der gleiche Chip die Aufgabe des Entschlüsselns.

Über Pluto liegen kaum Unterlagen vor, was auch die Fachleute irritiert: Denn eigentlich gibt es in der Kryptographie keine geheimen Verfahren. Eine gute Krypto-Lösung ist auch dann noch sicher, wenn all ihre Algorithmen bekannt sind. So ranken sich um Pluto eine Menge Gerüchte - darunter das vom "Hintertürchen", das es den Nachrichtendiensten gestatten soll, verschlüsselte Nachrichten mitzulesen.

Kanther ist die Kryptographie ein Dorn im Auge. Der Minister will nicht dulden, daß jeder Bürger seine elektronische Post oder gar seine Telephongespräche so verschlüsseln könnte, daß ein Mitlesen oder Abhören unmöglich ist. Im letzten Jahr versuchte er, die ungehemmte Verschlüsselung per Gesetz zu verbieten. Nach dem Scheitern dieser Pläne verfolgen die Sicherheitsbehörden nun eine neue Strategie: Verschlüsselungen sollen einen Quasistandard erhalten - und die Codes beim Staat hinterlegt werden.

Die Online-Zeitschrift telepolis zitiert aus einem internen Papier des Bundeskriminalamtes, das schon für sich spricht: "Sinnhaft wäre ein aktives Anbieten starker kryptographischer Verschlüsselungsverfahren mit dem ,Gütesiegel' des BSI, die strukturell eine Hinterlegung beinhalten. Diese müßten in der Lage sein, schnell eine große Marktdurchdringung zu erreichen. Wenn kriminelle Strukturen andere als diese Verfahren nutzen, würden sie damit einen Indikator für weitere Ermittlungen setzen." Mit anderen Worten: Wer mit anderen Verfahren verschlüsselt, macht sich schon verdächtig.

Aber soll Pluto dieser Standard sein? Mißtrauische Netzbenutzer argumentieren so: In dem Maße, in dem Pluto für die Regierungskommunikation Pflicht wird, müßten ihn auch Unternehmen einsetzen, die mit staatlichen Stellen kommunizieren. "Bald könnte es sich kein Unternehmen mehr leisten, ohne Kanthers Chip zu arbeiten", kommentiert der Spiegel das Geraune um Pluto. Logisch ist das nicht: Nach den Plänen des BSI soll Pluto der staatlichen Kommunikation dienen, an der die Wirtschaft wenig beteiligt ist. Für die Kommunikation der Privaten mit den Behörden sollen andere Krypto-Systeme entwickelt werden.

Bislang ist auch über das angebliche Pluto-Hintertürchen nichts bekannt. Die Vorlage für dieses Gerücht liefert wohl ein anderer Krypto-Baustein, der in den USA konzipierte Clipper-Chip, der genau dem oben erwähnten Modell entsprach: starke Kryptographie mit staatlicher Hintertür. Aber der Clipper-Chip wurde für die National Security Agency, Amerikas großes elektronisches Lauschohr im Ausland, zu einem bösen Reinfall. Bürgerrechtsgruppen liefen Sturm gegen diese Big-Brother-Vision. Und vielleicht noch wichtiger: Auch die amerikanische Wirtschaft konnte sich mit Clipper nicht anfreunden. Für die Unternehmen ist die Informationsökonomie in Gefahr, wenn Kryptographie künstlich verteuert wird. Denn Verschlüsselungstechnik wird einmal in allen Computern und Kommunikationsgeräten stecken. Jim Bidzos, Chef von RSA Data Security, dem weltweit führenden Hersteller bei Krypto-Produkten, gibt dem staatlichen Nachschlüssel deshalb keine Chance: "Am Ende wird der Markt entscheiden. Und der ist gegen die Regulierung von Kryptographie."