Die Zelte auf dem Eis heißen VIP-Village. Den schmalen Zugang schützen Uniformierte. Lässig wedeln Bepelzte, die allesamt aussehen, als seien sie zum Treffen der europäischen Kürschnerinnung geladen, mit einem schwarzen Lederband. Die Wächter treten zur Seite.

Fauchende Gasöfen heizen die Zelte. Den Eisboden bedecken Perserteppiche. Säulen aus Pappmaché und Mauerfragmente sind zur griechischen Kulisse arrangiert, wandgroße Botticelli-Imitationen verstellen die Wände. Amphoren mit tropischen Früchten garnieren das Büfett, Diener in Rokokoverkleidung tischen auf. 650 Gedecke auf dem Eis, der Service funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk.

Nur einmal, vor drei Jahren, passierte ein Malheur. Durch feine Risse im Eis quoll Seewasser, sammelte sich zu Tümpeln und schwappte als Welle in die Zelte. Mitten im Renngeschehen mußte das VIP-Dorf evakuiert werden.

White Turf - das sind die Pferderennen auf dem zugefrorenen und beschneiten Lej da San Murrezan. Der See breitet sich vor St. Moritz aus, dem Schweizer Nobelort, wo der Wintersport erfunden wurde, die Preise in räuberischen Höhen liegen und die Damen in Fuchs, Nerz und Zobel flanieren.

Der Lej da San Murrezan füllt sich mit Zuschauern. Aus Lautsprechern rieselt Popmusik. Um Würstli-Buden und Wettcontainer wickeln sich Schlangen. Alles ist bereit für den White Turf. Nur die Fahrzeuge, die den Schnee auf dem mit Zäunen abgegrenzten Oval der Rennpiste einebnen und platt walzen, drehen noch ihre Runden. Sie haben Schwimmtanks. Vor einigen Jahren ist eine Raupe eingebrochen und versunken.

Das Publikum versorgt sich mit Wettkarten. Sieger, Plazierungen, Feldkombinationen werden eingetragen. Gewissenhaft füllen die Pferdefans ihre Scheine aus, und für einen Moment gleicht der Platz vor den Totalisatoren einer Sparkasse im Schnee. Am Himmel segeln bunte Paraglider.

Die Musik bricht ab. Ein Sprecher begrüßt die Sponsoren, dann das Publikum. Schließlich werden die Rennen angekündigt. Das erste ist der "Grand Prix Badrutt's Hotel", ein Sprintrennen über 1100 Meter für vierjährige und ältere Tiere, dotiert mit 15 000 Schweizer Franken.