In Rostock findet man das bedrängendste, körperwütigste Theater - wenn man es findet. Suchen muß man es allerdings. Mal in einer aufgelassenen Kirche inmitten wüster Altstadt-Brache, mal im Stadthafen, wo er am finstersten und ödesten ist. Ein bißchen Traute und Abenteuerlust braucht der Besucher schon oder wenigstens Taxifahrer mit Ortskenntnissen.

In der Ruine der Sankt-Nikolai-Kirche gab's im Vorjahr "Macbeth" - Machtwahn, Mordlust und schottischer Hexenkessel unterm gotischen Vierungsturm und dazu die volle Dröhnung der Lokalband The Jack Of All Trades. Da wummerten die Pfeiler, und die Spitzbögen bebten, die Welt war aus den Fugen, und die Macbeths zeigten ihr die Fratze der Gier.

Und jetzt hat sich das Volkstheater Rostock wieder etwas Schottisches an entlegenem Ort vorgenommen, nämlich "Trainspotting", das edinburghische Drogenspektakel von Irvine Welsh. Gespielt wird unter Deck auf der MS Stubnitz, einem abgewrackten Fischkutter, der in einem Hafenwinkel rostig wiederauflebt - als Jugendszene-Treff und "Kulturraumschiff". Wo, wenn nicht hier im kaputten Kahn an Rostocks verkommenem Ufer, können die schottischen Drogenköpfe glaubwürdig ihr Fixerbesteck auspacken und ihren Junkie-Ritualen frönen, ganz körpernah ans Publikum heraninszeniert und immer hart an der Ekelschwelle. Wenn die vier jungen Schauspieler richtig loslegen, dann empfiehlt es sich, lieber weiter hinten zu sitzen, als sich in der ersten Reihe mit Dreck und Wasser bespritzen zu lassen.

Theater an der Grenze, gewiß, und nicht jedermanns Sache, gerade weil das Fixer-Elend unser aller Sache ist. Aber doch Theater, das seine kulturpolitische Rechtfertigung nicht erst umständlich herbeireden muß, denn diese versteht sich für alle Anwesenden von selbst.

Da hat es die hochberühmte Berliner Schaubühne schon schwerer, ihr derzeitiges Treiben zu legitimieren. Gut, sie hat ihren schrillsten Fehltritt revidiert und die Zusammenarbeit mit Michael Simon, dem hauseigenen Szene-Berserker, vorzeitig beendet, wegen Unverträglichkeit der Stile. Was im rauhen Rostocker Biotop unmittelbar einleuchtet - das kreischende Elend, das auf der Bühne wütet -, wirkt im edlen Ambiente der Schaubühne auf fatale Weise spekulativ: als bloß modischer Versuch, die Trash-Klientel durch Radau anzulocken. Michael Simon, eine Art Schlingensief für Reiche.

Statt dessen hat sich die Schaubühne offenbar auf Winckelmann besonnen. Edle Einfalt und stille Größe sind angesagt, wenn Klaus Michael Grüber Goethes "Iphigenie auf Tauris", alla breve in zwei Nonstop-Stündchen, inszeniert. Eine bildschöne Produktion, getunkt ins klare Licht der klassischen Frühe. Linde Wellen umplätschern ein arkadisches Gestade. Vollkommenes Ufer, made by Gilles Aillaud, Grübers Ausstattungszauberer. Daß es die taurische Barbarenküste vorstellen soll, das wilde Skythenland auf der Krim, ist allenfalls an ein paar Sandsäcken und Granaten zu erkennen, die das bukolische Idyll ein bißchen stören.

Indes: Die Schönheit täuscht. Nichts könnte die Agonie dieses Theaters deutlicher verraten als Grübers mürbe und müde "Iphigenie" in ihrer kraftlosen Kopfhängerei. Ihr Flüsterton besänftigt die Atridengreuel zum somnambulen Gelispel. Alles ist wesenloser Nachglanz. Alles flüstert, was keiner ausspricht, aber jeder weiß: Schaubühnendämmerung.