In den neunziger Jahren erreichte Ernst Jüngers Wirkung einen ungeahnten Höhepunkt. Gegen Ende seines langen Lebens stieg der bis dahin weitgehend stigmatisierte konservative Schriftsteller zu einer Identifikationsfigur für deutsche Intellektuelle auf. Plötzlich galt es in schriftstellerischen und akademischen Elitezirkeln als zeitgemäß, Ernst Jünger zu bewundern, und wer - wie etwa Walter Jens - an dem bis dahin gültigen antifaschistischen Verdikt gegen den Autor der "Stahlgewitter" festhielt, erschien nun als Ignorant.

Von links bis rechts erklangen Superlative, um Jüngers Bedeutung zu beschreiben. Zu seinem hundertsten Geburtstag im Jahre 1995 erschien ein Sammelband, in dem unter anderen Peter Sloterdijk, Hans-Jürgen Syberberg, Heiner Müller und Botho Strauß dem Jubilar ihre Reverenz erwiesen. Die Herausgeber, der Literaturwissenschaftler Günter Figal und der Publizist Heimo Schwilk, leiteten den Band mit den Worten ein: "Das Werk Ernst Jüngers hat für das Verständnis dieses Jahrhunderts Schlüsselcharakter. Wohl kein Autor vergleichbaren Ranges ist der Herausforderung durch die Dynamik seiner Zeit so offen und kritisch zugleich begegnet." Frank Schirrmacher schwärmte in der FAZ: "Solche Zeitgenossenschaft hat es noch nie gegeben. Auf sonderbar zweideutige Weise hat unser Jahrhundert in Jünger seinen Begleiter und Fährtenleser gefunden."

Das Urteil über Jünger hatte sich grundlegend verändert: Er galt als Repräsentant einer antimodernistischen Literatur und einer antidemokratischen, reaktionären Ideologie - wie sie in jener Periode verbindlich war, die von der Gruppe 47 und der 68er-Revolte geprägt wurde. Jünger verkörperte nun geradezu die "offene" und "kritische" Geisteshaltung, die ein wahrhaft modernes Bewußtsein benötigte, um unser blutiges und komplexes Jahrhundert zu verstehen. Denn, so meinten Figal und Schwilk, sein Werk "greift ohne eine Spur von Musealität in die Tiefe der Zeiten zurück und verhilft zu der Einsicht, daß man die Moderne nicht versteht, wenn man nichts als modern sein will".

Dieser Lesart aber schlossen sich auch solche Bewunderer Jüngers an, die ihre Ablehnung der liberalen Moderne auf keinen Fall als rückwärts gewandte Huldigung erscheinen lassen wollen. Ihr Bestreben, den Fortschritt an die Tradition zu binden, in der sich ewige, überzeitliche Werke manifestierten, führte nach ihrer Ansicht vielmehr zu einem tiefgründigeren und weitsichtigeren Verständnis der Gegenwart, als es dem liberal-aufklärerischen Fortschrittsdenken jemals erreichbar sei.

Bedeutsamer als diese konservative Umdeutung von Modernität war für die Renaissance Ernst Jüngers die Tatsache, daß ihn auch die Linke für sich entdeckte. Linksintellektuelle, die sich - spätestens mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem Scheitern der Vision eines "dritten Wegs" zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Staatssozialismus - um alle ihre utopischen Erwartungen gebracht sahen, erkannten in Ernst Jünger eine Leitfigur, mit deren Hilfe sie ihre kritische Distanz zu den "bestehenden Verhältnissen" aufrechterhalten konnten. Jünger erschien ihnen plötzlich als ein über den Ideologien stehender Seismograph untergründiger Bewegungen in Geschichte und Gesellschaft, welche von einem "platten" aufklärerischen Rationalismus nicht erfaßt werden könnten, ja, deren Erkenntnis dieser Rationalismus sogar verhindere. Botho Strauß, ehedem ein Darling der Linken, rief Ernst Jünger gar zum ästhetischen Wegbereiter einer heraufziehenden geistigen Epochenwende aus. Das Zeitalter eines nur der oberflächlichen Erscheinungswelt verpflichteten "kritischen Bewußtseins" sei vorbei: "Der, der in den Verbindungen steht, löst den Subversiv-Radikalen, den jakobinisch-,hölderlinischen' Zeit-Heros ab."

Was war geschehen, daß die Figur Ernst Jüngers in solcher Weise messianisch aufgeladen werden konnte? Der Umbruch von 1989 signalisierte das Ende der Epoche geschlossener Großideologien. Andererseits schien er auch den endgültigen Sieg des westlichen Liberalismus zu markieren, den die linke und rechte Kulturkritik als den ideologischen Ausdruck einer leerlaufenden, nihilistischen Konsumgesellschaft verachtet.

Inmitten des weit verbreiteten Gefühls, nach dem die Menschen der "Beliebigkeit" verfallen, artikuliert sich daher die Sehnsucht nach einer neuen verbindlichen, auf substantiellen Überzeugungen gegründeten Ethik und Ästhetik. Der konservative Wunsch, die Oberfläche einer alle Tradition aufsaugenden Gegenwart zu durchbrechen und wieder in die "Tiefe der Zeiten" zu greifen - dorthin, wo man wie selbstverständlich Authentischeres vermutet -, trifft sich dabei mit den Bedürfnissen einer alternden Linken, die nach dem Verlust ihrer weltlichen Utopien in vermeintlich unzerstörbaren metaphysischen oder anthropologischen Essentialen Halt zu finden hofft. Mit dem Verweis auf unerschütterliche seinsmäßige Gewißheiten kann der Gestus linker Gesellschaftskritik an den bestehenden Verhältnissen mit eigener Mühe bewahrt werden.