Es ist soweit - das Internet wuchert bis ins Stadtbild: "www.gvoon.de", so steht es von Sprayerhand geschrieben an der neoklassischen Rückwand des ehemaligen Telegraphenamtes Berlin-Mitte in der Monbijoustraße. Das wortkarge Graffito verweist den Flaneur auf die Homepage von Global Visions Of Other Natures: Sperrige Sphärenklänge umfangen dort den Mauswanderer, eine dreidimensionale Spielwelt lockt in ein Labyrinth aus wabernden Textalgen. Schriftfetzen gleiten umher wie Tiefseefische.Und eine virtuelle Galerie präsentiert die touchable paintings von Arthur Schmidt, dem in Köln ansässigen Gründer des Projekts. "Vor anderthalb Jahren haben wir mit einer Postkartenaktion angefangen", erzählt Schmidt, "da stand einfach nur ,gvoon' drauf, sonst nichts." Bald fand sich eine lose Gruppe von zwanzig "gvoonies" zusammen, um die "Vision der anderen Naturen" umzusetzen. Inzwischen hat die Web-Site Kultstatus erlangt, mit zwanzigtausend Zugriffen pro Monat. Holger Czukay (www.czukay.de), ehemals Bassist der legendären Combo Can, hat extra fürs Netz die Klangwelt "gvoon visions" komponiert.

Und wer hat denn nun gesprayt? Bislang konnte die heimliche Verwandtschaft der beiden Jugendkulturen nur dunkel geahnt werden, die hier zusammenwachsen: die nächtens gesetzten Reviermarkierungen der Wandsprüher und die während des Mondscheintarifs der Telekom anonym verfaßten Botschaften im Internet. "Da bildet sich eine Szene raus, die ihre Bookmarks eben nicht mehr per Diskette tauscht, sondern per Sprühdose", sagt Schmidt. Pause. "Nein, ich war das wirklich nicht, ich schwör's!"